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Katazen: un mondo
ineffabile...


Ram Dass*

SICH AUS DEM ICH HERAUSWAGEN

Wenn Sie einen guten Film anschauen, werden Sie in die Story hineingezogen.
Wenn dann am Schluß das Licht wieder angeht, sind Sie ein bißchen desorientiert.
Es dauert eine Weile, bis Sie wieder ganz der sind, der da in einem Kino sitzt.
Wenn der Film aber nicht viel taugt und Sie nicht fesselt,
dann hören Sie das Rascheln der Süßigkeitentüten,
nehmen die technische Qualität des Films
und die Menschen um Sie her wahr.
Es kommt keine Identifikation mit dem Filmgeschehen zustande.
  Die Stille, die Meditation in Ihr Leben bringen kann,
hat etwas mit diesem Rückzug aus dem Filmgeschehen gemein,
denn auch das Leben ist eine Art Film,
seine Stories mindestens ebenso melodramatisch:
Werde ich Erleuchtung finden?
Werde ich heiraten und Kinder bekommen?
Kann ich mir ein neues Auto kaufen?
  Auch der Vergleich mit Träumen kann uns den Raum vergegenwärtigen,
in den wir durch Meditation gelangen.
Vielleicht sind Sie noch nie in einem Traum aufgewacht.
Aber wenn Sie jeden Morgen aus dem Traum erwachen,
wohinein erwachen Sie dann? In die Wirklichkeit.
Oder vielleicht in einen anderen Traum?
Das Wort "Traum" bedeutet für uns soviel wie Unwirklichkeit.
Sagen wir lieber ganz vorsichtig, daß Sie aus einer relativen Wirklichkeit
in eine andere erwachen.
  Während wir aufwachsen gewöhnen wir uns daran,
eine bestimmte Ebene des Daseins als wirklich zu betrachten.
Wir identifizieren uns total mit dieser Wirklichkeit,
empfinden sie als absolut und schieben alle Erfahrungen,
die mit ihr nicht vereinbar sind, als Träume, Halluzinationen,
Phantasien oder gar Wahnsinn beiseite.
Aber was Einstein für die Physik demonstrierte,
gilt für alle Aspekte des Kosmos: Alle Wirklichkeit ist relativ.
Jede Wirklichkeit ist nur in bestimmten Grenzen gültig,
nur eine Version neben anderen.
Wer aus einer bestimmten Wirklichkeit erwacht, erkennt ihre relative Natur.
Meditation ist eine Möglichkeit, genau das zu tun.
  Der normale Wachzustand, der Traumzustand oder auch emotionale und andere
Zustände sind verschiedene Wirklichkeiten, etwa so wie die verschiedene
Empfangskanäle eines Fernsehers.
Wenn Sie eine Straße entlanggehen, können Sie Ihren "Empfänger" auf eine
unbegrenzte Zahl von Kanälen "abstimmen", über die Sie die Welt aufnehmen.
Jede Abstimmung läß eine ganz andere Straße entstehen.
Aber natürlich bleibt die Straße sich gleich. Sie verändern sich.
  Die meditative Bewußtheit läßt in dem Raum, der ein Geschehen umgibt,
alle möglichen Weisen des Sehens zu.
Der meditativen Bewußtheit eignet eine Klarheit, die das Wirken aller Kräfte,
auch der des Verstandes, in einer gegebenen Situation bloßlegt.
Diese Klarheit läßt Sie erkennen, wodurch Ihre Entscheidungen von
Augenblick zu Augenblick bestimmt werden.
Aber Sie brauchen nicht zu denken, um all das zu erfassen.
Sie merken einfach, daß Sie wissen, daß Sie verstehen.
In dieser inneren Stille und Klarheit sind Sie sich der gesamten Situation
als einer Gestalt bewußt.
Sie finden sich in der Lage,ohne Mühe und auf allen Ebenen genau
in der richtigen Weise auf die Situation einzugehen - anstatt nur
auf einer Ebene mechanisch zu reagiren.
Sie befinden sich in Harmonie, im Fluß mit dem Gesamtgeschehen.
  Ihr Ich ist ein Gedankengebäude, das Ihre Welt definiert.
Man könnte auch sagen, es sei so etwas wie ein vertrautes Zimmer,
aus Gedanken gebaut: Sie sehen das Universum durch seiner Fenster.
Sie fühlen sich sicher darin, wagen sich aber nicht mehr ohne weiteres heraus,
so daß es in gewisser Weise auch ein Gefängnis ist.
Ihr Ich hat Sie im Griff.
Sie glauben, Sie brauchen seine besonderen Gedanken, um leben zu können.
Das Ich beherrscht Sie über die Furcht vor Identitätsverlust.
Diese Gedanken aufzugeben, käme Ihnen wie Selbstauslöschung vor,
also klammern Sie sich daran.
  Es gibt eine Alternative. Sie brauchen das Ich nicht zu zerstören,
um seiner Tyrannei zu entkommen.
Sie können dieses vertraute Zimmer behalten und doch kommen und gehen,
wie Sie wollen.
Dazu müssen Sie zuerst erkennen, daß Sie unendlich viel mehr
sind als das Ich-Zimmer, mit dem Sie sich selbst definieren.
Dann liegt es in Ihrer Hand, aus dem Gefängnis
eine Operationsbasis zu machen.
  Wir benötigen die Matrix der Gedanken, Gefühle und Empfindungen,
die wir unser Ich nennen, um Physisch und psychisch überleben zu können.
Das Ich sagt uns, was zu was führt, was zu vermeiden ist,
wie unsere Wünsche zu befriedigen sind
und was in jeder Situation zu tun ist.
Es tut das, indem es allem, was wir empfinden oder denken,
einen Namen gibt.
Diese Namen bringen Ordnung in unsere Welt und geben uns
ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.
Mit Hilfe dieser Namen erkennen wir die Welt und unseren Platz in ihr.
  Unser Ich gibt uns Sicherheit in einer ungebärdigen Welt.
Zahllose Sinneseindrücke und Gedanken stürmen auf uns ein,
und würde das Ich nicht die irrelevante Information ausfiltern,
so würden wir in dieser Überfüllte ertrinken.
So jedenfalls scheint es.
  Das Ich hat uns davon überzeugt, daß wir es brauchen -
und nicht nur, daß wir es brauchen, sondern daß wir es sind.
Ich bin meine Persönlichkeit. Ich bin meine Neurosen.
Ich bin wütend. Ich bin deprimiert. Ich bin ein guter Mensch.
Ich bin aufrichtig. Ich suche Wahrheit. Ich bin ein Faulpelz.
Definition um Definition. Ein Zimmer nach dem anderen.
Manche gehören zu Luxuswohnungen - Ich bin ja so wichtig -,
andere in Elendsquartiere - zum Kotzen bin Ich.
  Durch Meditation stellt sich die Frage: Wer bin ich wirklich?
Bin ich nichts als mein Ich, dann werde ich ertrinken,
wenn ich seine Schleusen und Filter öffne.
Wenn ich aber nicht nur das bin, als was mein Ich mich definiert,
dann ist es vielleicht gar nicht so bedrohlich,
die Filter wegzunehmen.
Es könnte sogar meine Befreiung bedeuten.
Aber solange das Ich am Ruder sitzt, können wir nie etwas anderes
als das, was es sagt.
Wie ein Diktator bietet es uns Schutz und Sicherheit
auf Kosten unserer Freiheit.
  Fragen wir uns ruhig einmal, wie wir ohne unser Ich überleben könnten.
Keine Angst - es wird nicht verschwinden.
Aber wir können lernen, uns auch mal aus ihm herauszuwagen.
Das Ich ist immer da als unser Diener. Unser Zimmer ist da.
Wir können jederzeit hineingehen und es zum Beispiel als Büro benutzen,
wenn wir etwas zu erledigen haben.
Aber wir können die Tür offenlassen und jederzeit
wieder nach draußen gehen.
Die meisten Menschen können nicht entkommen,
weil sie sich vollständig mit ihren Gedanken identifizieren.
Sie sind nicht in der Lage, die reine Bewußtheit von den Gedanken
zu trennen, die nur ihre Objekte sind.
Meditation gibt uns die Möglichkeit, die Identifikation der Bewußtheit
mit ihren Objekten aufzubrechen.
Die Bewußtheit des Menschen ist etwas anderes als seine Gedanken
oder seine Sinne.
Jeder kann Herr seiner Bewußtheit werden, anstatt sich von jedem
Sinneseindruck oder Gedanken willenlos mitschleifen zu lassen.
Meditation befreit die Bewußtheit.
  Der Weg zur Freiheit geht über die Ablösung von den alten
Gewohnheiten des Ich.
Ganz Allmählich werden Sie eine neue und tiefere Integration
Ihrer Erfahrung in einer weiter entwickelten Struktur des Universums erreichen.
Sie werden, anders gesagt, über das Ich hinausgehen und schließlich
mit dem Universum verschmelzen.
Unterwegs müssen Sie alte Strukturen durchbrechen und neue entwickeln,
dann auch diese wieder durchbrechen und noch umfassendere entwickeln.
  Bis zum Ende des Aufstiegs auf den Berg der Freiheit bleibt ein sehr
subtiles Leiden übrig, denn es gibt immer noch ein Individuum,
das sich als von allen anderen getrennt empfindet und mit
dieser Empfindung identifiziert ist.
Immer noch gibt es ein Festhalten, immer noch ist ein letztes
Band zu zerreißen.
Aber wenn der Kletterer über einen äußerst schmalen Felsgrat
den Gipfel erreicht, muß er von allem loslassen, sogar von seinem
Ichbewußtsein, um zum vollkommenen Kletterer zu werden.
Und beim letzten Schritt muß er schließlich auch noch
die Identität des Kletterers transzendieren.
   Man muß, wie Christus sagte, wahrhaft sterben
und wiedergeboren werden.
Nachdem man den Gipfel erreicht und die totale Verwandlung
des Seins durchlebt hat, nachdem man frei von Furcht, Zweifel,
Verwirrung und Ichbewußtsein geworden ist, gibt es doch noch
einen Schritt, der die Reise erst vollendet:
die Rückkehr ins Tal, in die Alltagswelt.
Der zurückkehrt, ist nicht der, der aufstiegt.
Er ist jetzt die Stille selbst, er ist Mitgefühl und Weisheit,
die Wahrheit aller Zeiten.
In jeder Position, die er künftig in der Gemeinschaft einnimmt,
sei sie niedrig oder gehoben, wird er ein Licht für andere sein,
die unterwegs sind, ein Zeuge der Freiheit,
die nach dem Aufstieg zum höchsten Gipfel möglich wird.

*Ram Dass war Professor für Psychologie an der Harvard-Universität
und hat sich dann intensiv meditativen und yogischen Praktiken des
Ostens zugewandt.
Er ist Autor mehrerer Bücher ("Alles Leben ist Tanz", "Sei jetzt hier",
"Schrot für die Mühle").

                                                     Psychologie  Heute - Juni 85 -
 





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