Das Konzil steht unter einem schlechten Zeichen.
Die Phalanx der Kirchenreformer will dem Ablaß-Schacher, dem wüsten Leben
in den Klöstern und dem katastrophalen Bildungsnotstand der Geistlichkeit
per Beschluß ein Ende machen.
Ihre brisanteste Forderung, jedoch berührt ein Problem, das noch heute die
katholische Kirche belastet: die Frage nach der Macht des Papstes.
Nicolaus schlägt sich auf die Seite der Reformer.
Wort- und trickreich macht er Stimmung gegen Papst Eugen., fordert dessen
Rücktritt oder zumindest seine Unterwerfung unter den Willen des Konzils.
Geistiges Profil gewinnt Cusanus aber erst, als er 1433 - gleichsam nach
Feierabend - sein erstes Werk verfaßt: "Über die allgemeine Eintracht".
In dieser Schrift entwickelt Nicolaus einen gigantischen Plan,
der die innerlich zerstrittenen und vom Zerfall bedrohten Mächte - das Papst
und das Kaisertum - retten soll.
Und das geht, seiner Meinung nach, nur in einer Verbindung der Lehre von den
"Einzelheiten" mit Platons Theorie von den "Universalien" (den Allgemeinheiten).
Der Text ist also mehr eine politische als eine philosophische Abhandlung.
Gleichwohl weist er seinen Autor als überragenden Dialektiker aus.
Das heißt: Cusanus denkt nicht eindimensional,
sein Denken zielt vielmehr - im Gegensatz zum Alltagsdenken - immer aufs Ganze.
Dieser Aspekt der Dialektik besagt etwa: Wenn jemand im Gespräch erklärt,
er besitze ein Haus, so sind wir mit der Auskunft meistens zufrieden.
Anders dagegen ein Dialektiker vom Schlage des Cusanus.
Nach seinem Denken gewinnt das Haus erst richtig "Existenz",
wenn er das Beziehungsgeflecht aufgedeckt hat,
in dem das Haus sonst noch steht: (Mieter, Baumaterial usw.).
Diese Menschenund Dinge hängen jedoch ihrerseits in einem Netz unzähliger
Verbindungen, das sie mit anderen Menschen und Dingen verknüpft.
Zu Ende gedacht bedeutet das: Alles steht mit allem (dem Ganzen) in Verbindung.
Oder anders: Wir begreifen die "Existenz" eines Hauses um so genauer,
je mehr wir seine Beziehungen zum Ganzen ergründen.
Im Ganzen aber fällt das Gegensätzliche zusammen.
Nach dieser Methode analysiert Cusanus in seiner Politschrift auch die Frage
nach Kirche und Papst.
Dabei kommt er häufig zu Denkergebnissen, die unmittelbar die Grundgesinnung
des Menschen ansprechen.
Zum Beispiel, wenn er sich mit dem (dialektischen) Begriffspaar Einheit und Vielfalt
beschäftigt: Die Einheit, sagt er, ist bei Gott.
Sie steht über allen Gegensätzen, über jedem Ja und Nein.
Die Einheit setzt jedoch Vielfalt voraus, ohne Vielfalt keine Einheit
(oder Eintracht, Harmonie).
Cusanus geht sogar noch weiter. Er behauptet: Aus der Einheit entfalten sich
die vielfältigen Dinge um uns herum.
Sie sind gleichsam die sichtbaren Arme der Einheit, die uns verborgen ist.
Die Dinge müssen vielfältig und unterschiedlich sein, weil wir sie sonst nicht
wahrnehmen oder erkennen können.
Den Erkennen heißt: trennen, scheiden, unter-"scheiden".
Die Einheit können wir zum Beispiel nicht erkennen,
weil sie sich nicht trennen läßt.
Wir schließen auf die Existenz der Einheit lediglich, weil es die vielfältigen
Dinge gibt, die wir wahrnehmen.
Wenn jedoch die Einzeldinge, zu denen Cusanus auch die Menschen zählt,
aus der Einheit kommen und sogar deren Glieder sind, so können sie - streng
logisch gesehen - unmöglich feindselig gegeneinander stehen.
Die Menschen zum Beispiel sind - vom Standpunkt der Einheit aus betrachtet -
in erster Linie deshalb verschieden, damit sie überhaupt existieren
und sich erkennen können.
Ihre Streitigkeiten deckt die Logik von der Einheit und der Vielfalt nicht.
Cusanus fordert uns also zu einer Lebenshaltung, zu einer Einstellung auf,
in der wir die Unterschiede und sogar die Gegensätze von Ja und Nein nicht mehr
feindselig begreifen, sondern als das, was sie ihrer Logik nach sind:
Teile, die das Ganze - die Einheit - lebendig "repräsentieren".
In Basel beschwört Cusanus mit solchen Argumenten die Einheitsidee
der katholischen* Kirche und die des "Deutschen Reiches".
Grimmig wendet er sich an die Vertreter der Sekten, die Abweichler vom rechten
Glauben, und die Politiker, die nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind.
Er mahnt sie: Viele "Einzelne" erheben sich dünkelhaft über die Einheit,
das Ganze, indem sie das Konzil dazu benutzen,
ihre Privatmeinungen durchzudrükken, anstatt der Einheit zu dienen.
Dies sei eine Sünde wider den Heiligen Geist, den Nicolaus mit der
Kraft gleichsetzt, die in der Einheit wirkt.
Trotz seiner Appelle steht Cusanus selbst noch auf Seiten der Papstgegner.
Doch am 5. Dezember 1436 - das Konzil geht ins sechste Jahr - sorgt Nicolaus
für eine Sensation, die alle Teilnehmer wie ein Blitz aus heiterem Himmel trifft.
Ohne erklärbaren Grund setzt er sich aus dem Lager der Reformer ab
und läuft zum Clan von Eugen IV. über.
Seine Freunde schreien Verrat, schimpfen, er sei ein Renegat, ein Abtrünniger,
aber er schüttelt die Vorwürfe kühl ab.
Beflissen dient er sich dem Mann an, den er gestern noch wild bekämpfte.
Der Papst ist skeptisch.
Doch schnell wie ein Trickartist bringt Cusanus das Kunststück fertig,
die Bedenken Eugen IV. zu zerstreuen: Zwei Wochen nach seinem Frontwechsel
fungiert er bereits als Chefsprecher der päpstlichen Fraktion.
Und als der Heilige Vater kurz darauf eine Delegation zusammenstellt,
die in Konstantinopel ein Konzil mit der orthodoxen Ostkirche vorbereiten soll,
ist Nicolaus selbstverständlich dabei.
Leider gibt es keinen Hinweis, der erhellt, wie Cusanus Menschen,
die von ihm enttäuscht sein müßten, umdreht und für sich gewinnt.
Seine politischen Gegner jedenfalls, verzeihen ihm, sobald er ihnen die
Hand drückt, wie die Frauen dem Casanova.
Die Mission in Konstantinopel ist heikel.
Unter den Führern der Ostkirche hat sich herumgesprochen,
daß der Heilige Stuhl, auf dem Papst Eugen IV. sitzt, mächtig wackelt.
Sie wissen: Auf dem Konzil in Basel waren die Papst-Getreuen
nur eine verschwindende Minderheit.
Sowohl der Kaiser von Byzanz als auch der Patriarch stellen sich deshalb
die berechtigte Frage, ob sie es überhaupt mit den rechtmäßigen
Vertretern der römischen Kirche zu tun haben.
Doch Cusanus und seine Delegation reden den beiden Machthabern jeden Zweifel
aus und bringen sie dazu, ihre Flotte zu besteigen und nach Italien zu segeln.
Es ist November 1437.
In achtzig Jahren wird Martin Luther seine berühmten 95 Thesen an die
Schloßkirche zu Wittenberg schlagen und die Neuzeit einläuten.
Doch genaugenommen bricht diese Epoche in einer jener Novembernächte an.
Ein Sturm zerwühlt das Meer. Nicolaus kann nicht einschlafen.
Er geht an Deck seines Schiffes.
Und dort erhält er - wie er selbst berichtet - "ein Geschenk von oben,
vom Vater des Lichts". Irdischer ausgedrückt: Die Weite des Meeres inspiriert ihn
zu der Vorstellung, daß der Kosmos unendlich sei.*
Diese Entdeckung hebt das ganze bisherige Weltbild,
das "ptolemäische", aus den Angeln.
Sie zerstört den festen Glauben der Menschen, daß sich der Himmel,
in dem Gott mit den Seelen der Verstorbenen weilt,
direkt über ihrem Kopf, über den Sternen wölbt.
Der revolutionäre Gedanke setzt sich nur langsam durch - wahrscheinlich,
weil er im Grunde eine grausige Zumutung ist.
Die Erde, sagt Cusanus, hat keinen höheren Adel als jeder andere Stern.
Der "Blick Gottes" ruht nicht auf ihr allein;
ebensowenig ist sie der alleinige Mittelpunkt des Weltalls.
Sie ist es nicht, weil in der Unendlichkeit jeder Punkt Mittelpunkt sein kann
und deshalb kein einziger es ausschließlich ist.
Vor allem aber sabotiert die neue Vorstellung vom Kosmos bis heute die Hoffnung,
die Totalität des Weltalls in den Griff zu bekommen.
Sie macht es unmöglich, das Universum als eine berechenbare Größe zu begreifen
und zerstört den von Kopernikus bis Heisenberg gehegten Wunsch,
die Beschaffenheit des Kosmos in einer Weltformel auszudrücken.
Mehr noch: Sie hebt letzlich die mathematische Kosmostheorie auf und
setzt an ihre Stelle eine dialektisch-religiöse Idee von der fremden
Schönheit des "Alles-Umgreifenden", den wir Gott nennen.
Der als Ketzer verbrannte Philosoph Giordano Bruno vergleicht den Cusaner
mit einem der Großväter der Mathematik, dem Griechen Pythagoras,
und schreibt: "Die Weisheit hat ihr Haus auf sieben Säulen gebaut.
Dies Haus stand zuerst in Ägypten... jetzt steht es in Deutschland".
Nicolaus zieht sich für kurze Zeit aus dem diplomatischen Dienst
zurück und widmet sich in Kues ganz der Philosophie.
Der Unendlichkeitsbegriff löst eine Lawine von Gedanken in ihm aus,
die er unter anderem in seinem Werk "Vom gelehrten Nicht-Wissen" beschreibt.
Der Titel ist dem berühmten Satz des Sokrates - "Ich weiß, daß ich nichts weiß" -
nachgebildet und drückt eine philosophische Haltung aus,
die allem irdischen Wissen letzlich mit Skepsis gegenübersteht.
Besonders die Ergründung der Unendlichkeit macht die Ohnmacht
des menschlichen Verstandes spürbar.
Nicolaus stößt mit seinen Gedanken immer wieder an Grenzen,
die er mit der konventionellen Logik nicht überspringen kann.
Er beschreibt zum Beispiel Gott als das Unendliche und stellt fest:
Zwischen dem Unendlichen - dem "Absoluten" -
und den endlichen Menschen und Dingen gibt es kein Verhältnis,
keine Vergleichsmöglichkeit wie etwa zwischen Äpfeln und Birnen.
Vielmehr tut sich ein Abgrund auf, der durch das Denken nicht zu überbrücken ist.
Vielleicht aber, sagt Cusanus, kommen wir durch Nichtwissen an Gott,
das Unendliche oder das Absolute heran.
Darunter versteht der denker natürlich nicht, daß man seine Bücher
wegwerfen soll, vielmehr verbirgt der kühne Gedanke eine totale Umkehrung
der Logik: Wenn wir einen Gegenstand, einen Baum zum Beispiele,
nicht beschreiben können, so sind wir doch in der Lage zu sagen,
was er nicht ist.
Das heißt: Wir müssen alle Dinge aufzählen, die sich von einem Baum
unterscheiden (er ist kein Gras, kein Stahlmast usw.).
Dadurch bleibt am Ende zwangsläufig der Baum - gleichsam als
das Ausgesagte - übrig.
Wir haben ihn dann "negativ" bestimmt und wissen über ihn insofern Bescheid,
als uns bewußt wird, was er nicht ist.
Auf Gott angewendet ist die Logik noch komplizierter.
Denn Gott ist nicht "Etwas", kein Ding wie ein Baum.
Demnach bleibt - im Gegensatz zum Baum - bei unserer Aufzählung,
was Gott nicht ist, nichts übrig - Gott ist also weder positiv noch
negativ bestimmbar.
Und das bedeutet: Das Nichts und Gott sind ein und dasselbe.
Vielleicht ist jetzt verständlicher, was der Philosoph unter seinem
Buchtitel versteht: Indem wir uns mit Gott beschäftigen,
werden wir "gelehrt", aber an das, was wir eigentlich wissen wollen,
kommen wir nicht heran: So bleiben wir immer "Gelehrte Unwissende".
Schon ein Jahr später hat Cusanus die Ruhe des Moseldorfes satt
und meldet sich zurück in den kirchlichen Dienst.
Der Schritt wird noch heute von Philosophen bedauert.
Tatsächlich besitzt Nicolaus nicht die Beharrlichkeit eines Platon oder Kant,
die ihre Philosophie in einer alles umfassenden Lehre - von Gott bis zum Recht,
von der Politik bis zur Astronomie - ausarbeiteten.
Im Sinne der Nominalisten ist er auch kein exakter Wissenschaftler.
Dazu fehlt ihm der Sinn fürs Detail.
Er beschreibt zwar in verschiedenen Werken, wie man die Kunst des Messens
und Wägens verbessern kann, er versucht sogar herauszufinden,
ob das Blut eines Kranken anders (zum Beispiel: schwerer) ist als das
eines Gesunden (Blutsenkung), - aber er betreibt das nicht mit letzter
Konsequenz wie etwa der Arzt Paracelsus.
Am tragischsten wird seine genial-laienhafte Begabung in der Mathematik spürbar.
Er steht kurz davor, die Infinitesimal-, die Unendlichkeitsrechnung, zu entdecken.
Aber er stößt die Türe nicht auf, so daß zweihundert Jahre vergehen,
bis Leibniz und Newton diese Entdeckung machen.
Als Cusanus sich 1438 wieder der Politik verschreibt,
bedeutet dies im Grunde einen Schritt zurück für ihn.
Denn so überragend sein Verhandlungsgeschick auch ist, - er bleibt auf der
geistigen Ebene der Diplomatie, in der Kunst des Möglichen stecken.
Politisch konservativ bis in die Fußspitzen, versucht er lediglich,
mit viel Überzeugungskraft die zerfallene Kirche zu retten.
Ihm fehlt jede Vision von einer besseren, anderen Welt, wie Männer vom Schlage
eines Thomas Morus ("Utopia") sie haben.
Mit anderen Worten: Cusanus steigert sich nicht mehr, als er die politische Szene
erneut betritt, er wächst nicht über Basel hinaus.
Fast zehn Jahre reist er durch Deutschland und beredet die Fürsten,
sie sollten dem Heiligen Vater in Rom die Treue halten.
Denn in Basel tagen noch immer die Konzilsväter.
Sie sind noch immer zerstritten, eine Spaltung der Kirche liegt noch immer
in der Luft, und deshalb wollen die weltlichen Herrscher erst einmal abwarten,
wie sich der Streit entwickelt.
Darüber stirbt Papst Eugen IV., der Freund des Cusanus.
Der neue Papst, Nikolaus V. scheint dem Mann aus Kues aber noch
geneigter zu sein.
Als es 1448 dem Diplomaten gelingt, die Deutschen Fürsten endgültig an den
Vatikan zu binden, ernennt ihn Nikolaus V. aus Dank zum Kardinal.
Mit dem roten Hut erhält Cusanus neue Pfründen und - wie es einem Kirchenfürsten
zusteht - eine Titelkirche, St. Pietro in Vincoli, in Rom, als Geschenk.
Er hat jetzt auch äußerlich den Höhepunkt seiner Karriere erreicht.
1450 reist er erneut nach Deutschland. Diesmal ist er mehr Polizist als Diplomat.
Er soll die Klöster reformieren, und das heißt: die Huren aus den Betten
der Mönche werfen.
In den Klöstern finden wüsten Trinkgelage statt, Männer verkehren in Frauenstiften,
kaum ein Geistlicher kümmert sich mehr um die Gläubigen,
die allmählich dem Aberglauben verfallen.
In dieser Zeit zeigt sich Cusanus von seiner unerbittlichsten Seite.
Wo immer er Unzucht und Völlerei wittert, greift er rabiat durch:
Vor allem bei den Benediktinern und Augustinern. Die Mönche ihrerseits reagiren
feindselig, so daß Cusanus um sein Laben bangen muß.
Einmal, behauptete er, habe ihm ein Mönch ein vergiftetes Kreuz
zum Küssen gereicht. Die Patres dagegen behaupten, er sei ein Mörder.
Er habe einen Mönch, der sich selbst zum Bischof machen wollte,
mit eigenen Händen im Rhein ertränkt.
Bei den Gläubigen kommt der Kirchenmann ebenfalls nicht gut an.
Sie nehmen ihm übel, daß er sein Vermögen zum Teil auf Kosten
armer Leute zusammengerafft hat.
Verwundert schütteln auch viele den Kopf, wenn sie seiner Show zusehen:
Wie Jesus in Jerusalem, so kommt auch Cusanus auf einem Esel
durchs Stadttor geritten.
So scheitern im Grunde alle seine Reformen.
Oft haben sich Theologen die Frage gestellt, ob es "Luther nicht gegeben" hätte,
wenn Cusanus erfolgreicher bei seinen Reformen gewesen wäre.
Karl Jaspers, der Philosoph und Cusanus-Biograph, gibt zur Antwort:
Es wäre auch dann zu einer Spaltung gekommen.
Denn Cusanus will nur die Lebensweise, die äußerlichen Dinge reformieren.
Auf den Gedanken, daß zu einer Reform eine innere Umkehr gehört,
kommt er nicht. So bleiben seine Reformen in der Durchsetzung
von Verboten - wie dem der Unzucht - steckken.
Den seelischen Wandel der Mönche, der sie dazu bringt,
von sich aus das dolce vita aufzugeben, betreibt Nicolaus nicht.
Die Mißerfolge machen ihn ruhelos.
Er findet nur nachts Zeit, sich seinen philosophischen Arbeiten zu widmen.
Die meisten seiner Werke schreibt er bei Kerzenlicht in den Klöstern,
die er tagsüber säubert.
Die Titel seiner Schriften machen heute noch neugierig.
Zum Beispiel: "Von der Jagd nach der Weisheit", "Vom Gipfel der Schau"
oder "Vom Frieden des Glaubens".
In der Unendlichkeit, hat er entdeckt, gibt es den "Zusammenfall der Gegensätze".
Für diesen Gedanken findet er anschauliche Bilder:
Wenn wir einen Kreisel mit der Peitsche schlagen, haben wir den Eindruck,
er würde sich nicht drehen, sondern unbeweglich auf seiner Spitze stehen.
Das ist natürlich eine optische Täuschung.
Aber wenn sich der Kreisel mit unendlicher Geschwindigkeit dreht,
rührt er sich tatsächlich nicht mehr.
Denn die unendliche Geschwindigkeit ist identisch (fällt zusammen)
mit der absoluten Ruhe.
Auch für Gott findet er neue, abgründige Worte.
Er begreift ihn zum Beispiel als "Können Sein". Das heißt:
Gott besitzt sein Können nicht wie ein besonders geschickter Handwerker,
als eigenschaft oder Talent also.
Vielmehr sind Gott und das "Können Sein" identisch.
Dieses Können-Sein geht jedem anderen Können voraus.
Deshalb gründen alle Dinge, in dem, was sie sind und können, in Gott.
Er ist alles Sein und Können.
Nichts kann früher, mächtiger, größer oder kleiner sein als dieses Können - Sein.
Doch mit Cusanus, dem endlichen, "vergleichbaren" Wesen,
geht es bergab. Altersstarrsinn macht sich bemerkbar.
1450 ernennt ihn der Papst zum Bischof von Brixen.
Und damit beginnt die dústerste Tragödie seines Lebens.
Der Adel dort will ihn nicht als Hirten haben.
Besonders Herzog Sigismund macht ihm den Stuhl des Fürstbischofs streitig.
Eine einflußreiche Jugendfreundin, die Abtissin Verena,
unterstützt ihn in seinem Kampf gegen Cusanus.
Sie befürchtet zu Recht, daß der neue Bischof ihr Kloster reformieren will.
Sigismund, ein geübter Psychologe, beobachtet den Kardinal eine Weile,
dann hat er denn wunden Punkt des Cusaners entdeckt:
Nicolaus hat angst, er leidet unter dem Wahn, man will ihn umbringen.
Sigismund nutzt diese Schwäche aus. Er zettelt eine Intrige an,
und sorgt dafür, daß Cusanus zu Ohren kommt,
man versuche ihn in einen Hinterhalt zu locken und zu erdolchen.
Der Kardinal fällt prompt auf das Geflüster herein.
Er fühlt sich in Brixen nicht mehr sicher und flüchtet in sene Burg Buchenstein,
die am Rand der Diözese liegt.
Ein jahr versteckt er sich dort.
1458 wird Enea Silvio - er stammt aus dem Geschlecht der Piccolomini -
zum Papst Pius II. gewählt.
Er durchschaut die Posse, die der Herzog mit dem Kardinal treibt.
Doch er läßt sich nichts anmerken, sondern fordert Nicolaus auf,
"seine Kraft nicht in Schnee und dunklen Tälern zu vergeuden"
und nach Rom zurückzukehren.
Erleichtert nimmt Cusanus den Rückruf an.
Von Rom aus zettelt er dann einen nutzlosen Streit um das Bistum an.
Er ärgert sich über die entgangenen Pfründe und Macht den Papst mobil,
er soll seinen Anspruch durchdrücken.
Pius verspricht Hilfe, aber in Wirklichkeit kümmert
er sich um den Fall Brixen nicht.
Ein Verzicht wäre die einzige Chance, den Streit beizulegen.
Doch daran denkt Cusanus überhaupt nicht.
Bis zu seinem Tode bleibt er starr bei seiner Meinung,
daß der Tiroler Bischofsstuhl ihm gehöre.
Er ist jetzt 57 Jahre alt.
Er macht noch einmal einen Sprung nach oben,
wird Chefberater des Papstes. Doch sein Einfluß hat eher abgenommen.
Wie wenig er die politische Entwicklung noch in der Hand hat,
zeigt sich besonders, als Pius II. einen Kreuzzug gegen die Türken starten will.
Cusanus rät ab.
Das Abendland habe unter seiner Zerrissenheit zu sehr gelitten und bring nicht
mehr die Kraft zu einem großen Krieg auf.
Doch der Papst schlägt seine Warnungen in den Wind.
Er befiehlt ihm sogar, an die Adria zu reisen und die Flotte zu segnen.
Cusanus übt Gehorsam und unterwirft sich dem Willen des politisch
ahnungslosen Schöngeistes Pius II.
Resigniert macht er sich auf den Weg.
Die Reise ist anstrengend. Reglos steht die Hitze in den umbrischen Bergen.
Es ist der 11.August 1464. Seit zwei Wochen hat Cusanus Fieber.
In Todi, einer kleinen Stadt, verlassen ihn endgültig die Kräfte.
Er stirbt, einsam, ganz untheatralisch, wie wir es von den Kardinälen
des Mittelalters kaum kennen, in einer Herberge - seine Enttäuschung,
Brixen und den Kreuzzug, hinter sich lassend.
Auf senen Wunsch hin setzt man seine Gebeine in seiner Kirche
Pietro in Vincoli bei, unmittelbar neben einer kostbaren Reliquie:
den Ketten des Heiligen Petrus.
Als der Apostel einmal in Gefangenschaft geraten war, erzählt die Legende,
kam ein Engel und nahm ihm die Fesseln ab.
In dieser Kirche steht auch, weit beziehungsreicher zum Charakter des Cusanus,
eine berühmte Statue: der Moses des Michangelo.
Sie stellt, wie Karl Jaspers sagt, einen Mann dar, der in allem groß war:
im Gehorsam wie im Ungehorsam, im Zorn wie in der Liebe.
Er hat die Vision vom Gelobte Land und das politische Genie, seinem Volk,
den Kindern Israels, in Zeiten höchster Not die einigende Kraft zu geben.
Diese hohen Eigenschaften, zu denen nicht zuletzt seine Weisheit gehört,
entzieht den Moses - anders als den Cusaner - jeder herkömmlichen,
normalen Beurteilung.
Das Herz des Cusanus wird 50 Jahre später nach Kues überführt und ruht
dort in der Kapelle des Armenstifts, das er gegründet hat,
und das die Engländer im Zweiten Weltkrieg verschonten.
Seine Größe, die der "Philosoph der Zeitenwende",
trotz aller Charakterschwächen zweifellos besitzt, ist schwer zu bestimmen.
Als Metaphysiker, bleibt sein Denken zeitlos.
Es ist nicht auf eine bestimmte Gesellschaftsordnung, wie etwa auf die des
Feudalismus oder die des Kapitalismus zugeschnitten.
Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb Cusanus nicht - wie Kant oder
Hegel - eine philosophische Schule begründet hat.
Enttäuschend an ihm ist aber vor allem, daß er seine Philosophie nicht einmal
im Ansatz gelebt hat.
Seine Theorie, seine Lehre, fällt mit sener politischen Praxis nicht zusammen.
Historisch gesehen spiegelt sein widersprüchlicher Charakter
das zerrissene politische Klima seiner Epoche wieder.
Seine Demut gegenüber Gott ist genauso ausgeprägt wie sein Sinn für Geld,
sein skrupelloses Profitstreben.
So gehört er noch zum Mittelalter, aber auch schon zur Neuzeit.
Durch seine tiefen, wissenschaftlichen Ahnungen spürt er,
daß eine neue Epoche auf die Menschen zukommt.
Aber er will die Menschen nicht - wie Martin Luther oder gar
Karl Marx - dazu antreiben, mit der Tradition zu brechen
und sich radikal der Zukunft zuzuwenden. Im gegenteil:
Cusanus bemüht sich, den Glauben der Menschen zu festigen,
damit das anbrechende Zeitalter sie nicht verschlingt.