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Nicolaus von Kues

Kriegsjahr 43: Während britische Bomber Deutschland in eine gespenstische
Ruinenlandschaft verwandelten, versuchte in London ein Jude,
ein Emigrant aus Heidelberg, in Kontakt zum Oberkommando
der Royal Air Force zu kommen.
  Sein Name - Raymond Klibansky - sagte den Generälen nicht eben viel.
Doch sein Beruf - Philosophie-Dozent an der Universität Oxford -
hinderte sie daran, ihn einfach abzuwimmeln.
  Klibansky beschwor die Militärs, darunter den Vize-Chef der Luftwaffe
Arthur Harris ("Bomber-Harris"), sie sollten wenistens ein Bauwerk an der Mosel
mit ihren Bomben verschonen: das "Cusanus-Hospital" in Bernkastel-Kues.
  Dieses Haus, in dem seite 500 Jahren jeweils 33* alte,
abgearbeitete Menschen ihren Lebensabend verbringen,
zähle zu den ehrwürdigsten Gabäuden des Abendlandes.
Mehr noch: Es sei ein Kulturerbe, daß der ganzen Menschheit gehöre;
das sage schon der Name des Gründers: Nicolaus Cusanus,
der Gelehrte und Philosoph des ausgehenden Mittelalters.
  Bis dahin hatten die Generäle von den toten Denker noch nie etwas gehört.
Und als der Dozent wortreich versuchte, ihnen den Philosophen näherzubringen,
begriffen sie nur vage, daß es sich bei dem Mann um einen religiösen
Metaphysiker handeln mußte.
So erfuhren sie fromme, tiefempfundene Sätze wie:
"Alles Sein ist kostbar und gut. Daher ist alles, was ist, nicht ohne Wert.
Nichts kann sein, ohne etwas wert zu sein".
Mit solchen Sprüchen, das war klar, ließen sich unmöglich Luftangriffe
auf deutsche Städte verhindern.
  Zu allem Unglück stand das Hospital noch neben einer strategisch
wichtigen Moselbrücke.
"Bomber-Harris", der auch die Denkmalstadt Dresden in Schutt und Asche
legen ließ, sah darum keine Möglichkeit, das Gabäude zu schonen.
Doch ein paar Männer seines Stabes hatten sich vom Klima der
cusanischen Gedanken fangen lassen.
Sie sahen, daß Bomberpiloten die Brücke unmöglich zerstören konnten,
ohne das Armenstift zu gefährden.
Deshalb strichen sie die Brücke heimlich aus ihren Angriffsplänen,
und das Hospital überstand unversehrt den Krieg*.





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Ein alter Holzschnitt zeigt das Weltbild
Der Kardinal und Philosoph
Nicolaus von Kues (1401-1464)
wurde als Sohn eines Fischers
in Kues an der Mosel geboren.
Er behauptete als erster, daß
der Kosmos unendlich sei.
Ein alter Holzschnitt zeigt
das Weltbild, das der Denker mit
seiner These zerstörte:
Sonne, Mond und Sterne
umkreisen die Erde.
Ein Neugieriger Forscher steckt
den Kopf durchs Firmament
und erblickt den Saum
des Himmels.
Das St. Nicolaus-Hospital in Bernkastel-Kues an der Mosel
*entsprechend dem
Lebensalter Jesu.
*Die Brücke wurde später von
deutschen Soldaten gesprengt -
Raymond Klibansky, inzwischen
einer der bedeutendsten
Cusanus-Forscher, lehrte später
als Professor in Oxford
und Montreal (Kanada).
Das St. Nicolaus-Hospital
in Bernkastel-Kues an der Mosel.
Der Philosoph gründete die Herberge
für die - armen und ellenden - nicht nur,
sondern er entwarf auch die Pläne
für den Bau des Hauses.

  Ein anderer Mann, der Studienrat Peter Kremer, geriet als Soldat im
Schützengraben auf die Spuren des katholischen Philosophen.
Im Trommelfeuer drängte sich ihm eine Frage auf, die damals
viele Soldaten verstörte.
Kremer hatte den Krieg als Hölle erlebt, als das absolut Schlechte und Böse.
Aber woher kommt das Böse? Von Gott? Warum ist es dann auf der Welt?
Weshalb hat Gott die Erde nicht so eingerichtet, daß nur Gutes ist?
  Bei Nicolaus Cusanus fand der Soldat Kremer eine hochphilosophische
Erklärung: Gott hat das Böse nicht geschaffen, und desshalb ist es "wertlos".
Wohl aber schuf Gott die Möglichkeit, Böses zu tun.
Diese Möglichkeit mußte Gott in die Welt bringen, weil sonst,
die Menschen keine Entscheidungsfreiheit besäßen.
(Auch für Ungläubige ist der Gedanke interessant. Denn läßt man Gott aus
dem Spiel, besagt der Satz: Die Möglichkeit, sich für das Böse - also Krieg.
Unterdrückung, Verbrechen - zu entscheiden, ist eine Grundbedingung
für die menschliche Freiheit).
  Aus Peter Kremer wurde nach dem Krieg ein regelrechter Cusanus-Fan.
Inzwischen 78 Jahre alt, führt er jährlich rund 15.000 Touristen durch
das Hospital, dessen größter Schatz die Bibliothek mit Schriften
und Meßinstrumenten des Cusano ist.
Bibliothek
Torquetum (Türkengerät)
In Kues ließ Nicolaus ein
Hospital für arme und alte
Menschen bauen. Die stillste
dieses Stifts dient als
Bibliothek. Getragen wird
der Raum von einer Einsäule.
Daneben steht ein Torquetum
(Türkengerät), mit dem der
Philosoph den Stand der Sterne
vorausberechnete.
Astrolabium
Das Astrolabium mit den römischen Ziffern
benutzte Nicolaus, um die Himmelsrichtungen
zu bestimmen. Heute macht das der Kompaß.
Doch Besucher, die von der Stille des Moselstifts auf den Charakter des
Nicolaus von Kues schließen, nehmen einen falschen Eindruck mit nach Hause.
Denn der Denker war alles andere als ein in sich gekehrter Mönch oder
weltfremder Philosoph.
Eher können ehrgeizige Jungmanager von ihm lernen, wie man Karriere
macht oder ein Vermögen zusammenscheffelt.
  Nicolaus war ein Mann voller Widersprüche, ebenso fromm wie gerissen.
Seine überlegene Intelligenz half ihm nicht nur, einer der größten Denker auf
dem Gebiet der Philosophischen Theologie - der damals wichtigsten Disziplin -
zu werden.
Sie funktionierte genauso beispiellos, als Nicolaus den Marsch nach oben antrat:
Als Bürgerkind, mithin im falschen Bett geboren, schaffte er es, in die Domäne
des Adels einzubrechen - in das Kardinals-Kollegium des Vatikan,
wo er in den letzten Lebensjahren sogar als Generalvikar von Rom fungierte
und somit das höchste Amt nache dem des Papstes bekleidete.
  Zur Welt kommt Nicolaus 1401, im Herbst des Mittelalters,
einer Zeit voller Kriege und geistiger Umbrüche.
Martin Luther wird in diesem Jahrhundert geboren, ebenso der bedeutente
Staats-und Gewalt-Theoretiker Niccolò Macchiavelli ("Gutes tue langsam,
Verwerfliches aber schnell!").
Die Fugger begründen in Augsburg den modernen Kapitalismus, in Mainz
erfindet Johannes Gutenberg den Buchdruck.
  Von außen bedrohen zu Nicolaus' Lebzeiten die Türken Europa.
Sie belagern und erobern schließlich Konstantinopel und dringen bis
nach Griechenland vor. Kaiser und Kirche stehen der Gefahr hilflos gegenüber.
Das "Deutsche Reich", von Otto dem Großen fünfhundert Jahre vorher errichtet,
droht am erwachenden Selbstbewußtsein und Nationalstolz der europäischen
Völker zu zerbrechen.
Cusanus ist neun Jahre alt, als die Polen und Littauer dem "Deutschritter-Orden"
bei Tannenberg (Ostpreußen) eine vernichtende Niederlage beibringen.
  Und auch die Kirche ist tief zerstritten.
Die Bischöfe schwelgen im Luxus und befehden mit Worten und Waffen.
Jan Hus, böhmischer Nationalist und Reformprediger, wird 1415 auf dem
Konzil von Konstanz als Ketzer verbrannt.
Eine Spaltung (Schisma), von Martin Luther hundert Jahre später vollzogen,
liegt bereits in der Luft.
Bei Nicolaus' Geburt kämpfen drei, als er die Historische Szene betritt,
zwei Päpste um die Macht.
  Doch bevor Nicolaus in die Wirren seiner Epoche eingreift,
hat er zunächst mit sich selbst zu tun.
Seine Kindheit, von der wenig Gesichertes bekannt ist, verbringt er in Kues.
Das Drei-Straßen-Dorf liegt an einem Moselbogen (Kues heißt rund, wie Zirkus).
Dort, im Schatten der Weinberge, ist von den Geburtswehen der
neuen Zeit nicht viel zu spüren.
Die alte Ordnung herrscht, es gibt freie und halbfreie Bürger, die fromm und
zufrieden sind, solange die Herren "da oben" Frieden halten.
  Die Eltern des Nicolaus gehören zu den "Freien", zum aufstrebenden Bürgertum.
Sie haben sogar schon, damals noch ungewöhnlich, einen Familiennamen:
Cryffz (hochdeutsch: Krebs).
Er nennt zugleich den Beruf des Vaters, der es als Fischer und Händler
zu Wohlstand bringt.
  Eine Überlieferung beschreibt den Vater als einen schwierigen Mann,
der leicht zum Jähzorn neigt.
Bei einem Streit, mitten auf der Mosel, wirft er seinen Sohn aus dem Kahn.
Nicolaus, etwa zwölf Jahre alt, kann sich an Land retten.
Zum erstenmal zeigt er, daß er aus demselben Holz geschnitzt ist wie sein Vater:
Nicht aus Angst, sondern aus Wut und Empörung reißt er von zu Hause aus.
  Drei Tage streift er durch die Eifelwälder, dann wird er (angeblich) von
einem Troß Jäger aufgegriffen.
Die Männer wollen Nicolaus sofort nach Hause bringen; die Mutter,
sagen sie, habe seit seinem Verschwinden nur geweint.
  Doch Nicolaus will nicht zurück zu seinen Eltern und versucht,
die Männer für sich zu gewinnen.
Er erzählt ihnen von den Schwierigkeiten mit seinem Vater und macht dabei
die (für jedes Kind) lebenswichtige Entdeckung, daß man mit Worten viel
erreichen kann, wenn man sie nur mutig und mit heißen Herzen vorträgt.
Am schluß des Gesprächs stehen die Männer auf seiner Seite;
sie sorgen dafür, daß er auf eine Klosterschule nach Deventer (Holland) kommt.
Dort bleibt Nicolaus drei Jahre.
  Spuren einer philosophischen Begabung zeigt der Junge in dieser Zeit nicht.
Die Mathematik mit ihren Zahlen und geometrischen Formen interessiert ihn
mehr als die Schriften der antiken Denker.
Den Erzählungen nach ist er unstet und launisch.
Er verfügt über eine enorme geistige und seelische Energie,
aber er kann sie nicht gezielt einsetzen.
Das einzige verläßliche Gefühl ist seine Frömmigkeit.
  1416 taucht er, 15jährig, in Heidelberg auf. Er weiß nicht recht,
was er studieren soll. Hinzu kommt, daß die Professoren nicht seinen
hochgestochenen Erwartungen entsprechen.
Sie sind ihm in Logik und Bildung zu wenig auf der Höhe, und das läßt er sie
spüren, so daß es bald zum Krach kommt.
  Die Heidelberger Universität besteht erst seit dreißig Jahren und gilt als
fortschrittlich. Genauer: Ihre Professoren vertreten im sogenannten
"Universalienstreit" einen progressiven Standpunkt.
  Dieser Gelehrtenstreit übt bis in unsere Zeit auf das Leben der Menschen
einen kaum zu überschätzenden Einfluß aus.
Er beherrscht zum Beispiel die Auseinandersetzung zwischen Christen und
Marxisten, und darum verdient er es, daß man sich mit ihm beschäftigt.
  Die große Bedeutung, die der Disput um die Universalien hat,
wird auf Anhieb nicht gleich klar.
Vordergründig geht es um eine akademische Frage, die schon die Griechen
Platon und Aristoteles beschäftigte: Besitzen die Arten und Gattungen
(Universalia=die Allgemeinheiten) eine größere oder überlegenere
Wirklichkeit als die Einzeldinge?
Die konservativen Philosophen - sie nennen sich "Realisten" - folgen im Prinzip der
Lehre Platons. Nach ihrer Meinung rangiert zum Beispiel der Allgemeinbegriff
"die Menschheit" vor dem einzelnen Menschen.
Das heißt: Die Menschheit existierte schon seit Ewigkeiten als Idee in Gott,
"bevor" das erste menschliche Wesen auf Erden lebte.
  Daraus folgern die Realisten, daß jedes Individuum nur insofern "real" ist,
als in ihm das Allgemeine - die Menschheit - zum Ausdruck kommt.
Was einen Menschen zur unverwechselbaren Persönlichkeit macht - sein
individueller Charakter - ist für sie unwirklich und unerheblich.
  Dasselbe gilt für alle anderen Allgemeinbegriffe: "Das Gute" steht über der
guten Tat, mit der ein Mensch seinem kranken Nachbarn hilft.
Oder "Das Weibliche" hat mehr Realität als die individuelle Weiblichkeit,
die ein Filmstar besitz.
  Nicolaus ist mit den Gedanken der Realisten von der Klosterschule her vertraut.
Seine holländischen Lehrer benutzen den "Realismus",
weil sie mit dessen Hilfe ihren Schülern die Glaubenssätze (Dogmen) der Kirche
besser verständlich machen können.
Denn die Dogmen bestehen fast alle aus Universalien..
  In Heidelberg jedoch wird Nicolaus mit der Gegenmeinung konfrontiert.
Die Professoren stehen durchweg im Lager der "Nominalisten".
Für sie existieren die Universalien in der Wirklichkeit nicht: weder "die Menschheit",
noch "das Gute", noch "das Weibliche".
  Wirklich (real) sind nur die Einzeldinge.
So gibt es zum Beispiel nur eine zählbare Menge von verschiedenen Menschen,
für die wir den Sammelnamen (Nomen) "Menschheit" erfunden haben.
Demnach ist "die Menschheit" lediglich ein Begriff, eine Erfindung
unseres Verstandes.
Und deshalb gibt es "die Menschheit" auch nicht "bevor",
sondern erst "nachdem" Menschen auf Erden leben.
Die Allgemeinbegriffe haben somit nicht nur keine höhere,
sondern überhaupt keine Realität.
  Nicolaus begreift sofort die Brisanz, die im "Nominalismus" steckt.
Die Lehre greift das herrschende Weltbild an und untergräbt
die Macht der katholischen Kirche.
Denn nach streng nominalistischer Auslegung hat "die Kirche",
die für die Realisten eine "Idee" Gottes ist, keine Realität.
Wirklich sind allein die einzelnen Mitglieder, die in der Institution
"katholische Kirche" vereinigt sind - eine Definition, die auch heute noch
dem Papst und der Geistlichkeit gegen den Strich geht.
  Paradoxerweise entspringt der Nominalismus den Köpfen frommer Mönche*.
Er wertet nicht nur die Kirche ab, sondern rückt zum erstenmal das Einzelding,
das Detail, in den Mittelpunkt des Denkens.
Gelehrte beginnen, die rätselhaften Vorgänge am Himmel und auf Erden durch
präzise Einzelbeobachtungen zu entschlüsseln und befreien dadurch die Menschen
von dem Glauben, die Natur sei "Schicksal", also nicht beherrschbar.
  Vor allem aber lenken die Nominalisten den Blick auf den einzelnen Menschen,
auf seine Persönlichkeit, seinen individuellen Charakter.
Der Nominalismus ist der Geburtshelfer der Psychologie.
Begriffe wie "Gewissen" oder "Verantwortung" erhalten im Laufe der Zeit eine neue,
tiefere Bedeutung, so daß immer mehr Menschen den Mut finden,
sich selbst zu gehorchen - anstatt der Kirche oder seine Kaiser.
Die überragende Gestalt dieses neuen Menschentyps ist Martin Luther,
("Hier stehe ich! Ich kann nicht anders!").
  Fast alle Denker der Neuzeit fühlen sich als Nachfolger der Nominalisten -
besonders Karl Marx, der im Sinne dieser Lehre erklärt: Es gibt nicht "den Arbeiter",
sondern nur einzelne lebendiger Menschen, die arbeiten.
  Bis Nicolaus Cusanus, der Philosoph, das Spannungfeld zwischen realistischem
und nominalistischem Denken betritt, vergehen noch Jahre.
Zunächst legt er sich in Heidelberg mit seinen Professoren an.
Kühl erklärt er ihnen, sie brächten nichts Neues.
Was sie an Wissen vermitteln, könne er auch in Büchern lesen.
Dazu brauche er kein Studium.
  So arrogant sein Vorwurf auch klingt - ganz aus der Luft gegriffen ist er nicht.
Tatsächlich kommt der Streit um die Universalien zur Zeit nicht recht vom Fleck.
Schuld daran hat zum einen die Kirche.
Seit Jahrhunderten verhindert sie, daß sich die Lehre von den Einzeldingen
voll entfalten kann.
Zeitweise verbietet sie sogar jede Diskussion. Zum anderen aber verfügt die
Heidelberger Universität über keinen Kopf, der neues Leben in die
Kontroverse um die Universalien bringen könnte.
Doch so schlau, um auf Nicolaus' überhebliche Beschuldigung zu reagiren,
sind die Professoren allemal.
Nach dem ersten Semester werfen sie ihn hinaus.
Nicolaus packt ungerührt seine Sachen - und nimmt den Ruhm mit,
als erster Student Deutschlands von einer Universität geflogen zu sein.
Er reist nach Oberitalien, um in Padua Kirchenrecht zu studieren.
Von der Philosophie hat er zunächst einmal genug.
Diesmal ist die Universität mit Bedacht gewählt.
Die Hochschule gilt als das Zentrum des europäischen Geisteslebens.
Besonders die Theologische Fakultät, in die sich Nicolaus einschreibt,
verfügt über eine Schar hochkarätiger Professoren,
die im Vatikan ein- und ausgehen und dort bald das Sagen haben werden.
Unbekümmert macht sich der Dorfjunge an die Träger klangvoller Namen heran.
Kontaktängste, wie sie Menschen häufig befallen, wenn sie in vornehmere
Kreise geraten, sind ihm fremd.
Er gewinnt die Gunst der renommierte Juristen Cesarini und Caprinaca,
die bald darauf als Kardinäle große Politik betreiben.
Ebenso huldvoll gesinnt ist ihm der Mathematiker und Astronom
Paolo del Pozzo Toscanelli. Der Gelehrte wird später den Seefahrer
Christoph Columbus zu seinen Entdeckungsreisen ermuntern;
seinen deutschen Freund weiht er in die Geheimnisse der Geometrie ein.
  Nach sechs Jahren ist Nicolaus Doktor der Kirchenrechte.
Er geht in seine Heimat zurück, wo er sich als freier Anwalt niederläßt.
Doch das Schicksal will es, daß er seinen ersten Prozeß - einen
Erbschaftsstreit - verliert. Die Niederlage macht ihn so wütend,
daß er den Anwaltsberuf an der Nagel hängt.
Er geht nach Köln und beginnt das Studium der Theologie und Philosophie.
  Die Stadt schockiert ihn. An allen Ecken begegnet Nicolaus Wundertätern,
falschen Propheten und Wanderpredigern, die mit ihren abstrusen Lehren
bei der Bevölkerung auf offene Ohren stoßen.
Vor 75 Jahren ist in Europa zum erstenmal die Pest, der schwarze Tod,
ausgebrochen. Seitdem grassiert die Angst und macht die Menschen
anfällig für jeden Aberglauben.
  Mittelpunkt des geistlichen Lebens ist der Kölner Dom,
den fromme Baumeister seit 180 Jahren hochziehen.
Hier mußte 1327 der große Mystiker Meister Eckehart einen Teil
seiner Lehre widerrufen.
Er hatte den Erzbischof von Köln mit paradox tiefgründigen Sätzen wie:
"Seit ich bin, kann Gott ohne mich nicht mehr sein!" irritiert.
Auf Nicolaus, der genau hundert Jahre später in der Domstadt studiert,
machen die Schriften des Mystikers einen nachhaltigen Eindruck.
  An der Universität ist dagegen immer noch etwas vom Geist des legendären
Scholastikers Albertus Magnus (1193-1280) zu spüren, der einen Teil seines
Lebens in der Domstadt verbrachte und deshalb auch "der Kölner" heißt.
Beim Studium von Alberts Lehre stößt Nicolaus auf einen Begriff,
der später in seiner eigenen Philosophie eine zentrale Rolle
spielen wird: "Der Zusammenfall der Gegensätze".
  Doch bekannt wird er zunächst durch seine Nebenbeschäftigung:
Nicolaus besitzt einen Blick für die Echtheit längst vergilbter Dokumente.
Immer wieder stöbert er Schriftstücke auf und weist nach,
daß sie nicht astrein sind.
Dabei gelingt ihm ein sensationeller Coup: Er entlarvt die "Konstantinische
Schenkung" als eine Fälschung aus dem 8. Jahrhundert.
Diese Urkunde soll angeblich der erste christliche Kaiser Roms,
Konstantin der Große (280-337), dem Papst Sylvester I, ausgestellt haben,
nachdem er plötzlich (die Legende sagt: durch ein "Wunder")
vom Aussatz geheilt war.
Das Dokument sicherte dem Heiligen Stuhl nicht weniger als die weltliche
Vorherrschft (Primat) über das Abendland zu.
Die Kaiser sollten fortan nur noch die zweite Geige spielen.
Erst als Nicolaus den Beweis für die Fälschung vorlegt,
verschwindet das "Wertpapier" in der Versenkung.
Mit seinem Entlarvungstalent macht Nicolaus sein Leben große
und kleine Herrscher nervös.
Fast alle stützen sie nämlich ihre Macht auf irgendwelche Dokumente
(Taufurkunden, Testamente), von denen sie oft selbst nicht wissen,
ob sie echt sind und der "Quellenkritik" des Nicolaus standhalten.
  Wie lange Nicolaus in Köln bleibt, geht aus seiner Chronik
nicht eindeutig hervor. Sicher ist nur, daß er sich gegen Ende seines Studiums
immer seltener in den Vorlesungen blicken läßt.
In dieser Zeit stellt er mit den Jahreszahlen, die in der Bibel stehen,
eine komplizierte Berechnung an.
Das Ergebnis besteht wiederum aus Jahreszahlen: 1700-1734.
Dann, prophezeit Nicolaus, kommt es zum Weltuntergang.
  Die Universität Leuwen (Belgien) will ihn als Rechtprofessor gewinnen.
Er lehnt ab. Ebensowenig reizt es ihn, sein Leben in der Abgeschiedenheit
eines Klosters zu verbringen.
Wahrscheinlich weißt er immer noch nicht, daß eine große philosophische
Begabung in ihm steckt; jedenfalls richtet er seine Berufsziele nicht danach aus.
1430 läßt er sich zum Priester weihen.
Er ist jetzt 29 Jahre alt und will als Kirchenmann Karriere machen.
Genaugenommen hat aber sein Aufstieg schon fünf Jahre vorher begonnen.
Damals war ihm ein Grundsatz klargeworden, der in jede moderne Karrierefibel
gehört: Um selbst schnell etwas zu werden,
mußt du im Blickfeld eines Mannes stehen, der bereits etwas ist.
Nicolaus handelt danach und dient sich - trotz seines Studiums - Otto von
Ziegenhain, dem Erzbischof von Trier, als Sekretär an.
  Auf diesem Postem erfüllt er sogleich eine weitere Bedingung,
an die jeder Aufsteiger denken sollte: Statt herauszufinden, was objektiv die
größten Probleme der Diözese sind, späht Nicolaus aus,
welche Sorge seinen Oberhirten subjektiv am meisten bedrückt.
Bischof Otto wird jedesmal das Herz schwer, wenn er an das lockere Leben
in den Klöstern denkt - worauf ihm Nicolaus einen glänzenden
Reformplan ausarbeitet.
Es kommt zu einer Freundschaft, die für Nicolaus Gold wert ist.
  Die Diözese Trier verfügt - wie fast alle Bistümer - über beträchtliche
Besitzungen ("Pfründe"), die oft aus ganzen Landstrichen samt den
daraufliegenden Dörfern bestehen.
Die Bewohner dieser Gebiete sichern durch Abgaben den Wohlstand
des Geistlichen. Als Gegenleistung erhalten sie seelsorgerische Betreuung.
  Doch viele Gottesmänner wirken auf ihren Pfründen weniger seelsorgerisch
als ausbeuterisch.
Um möglichst rasch an ein Vermögen zu kommen, nehmen sie den Bauern
und Handwerkern oft die Butter vom Brot.
Sie verhängen Bußgelder und verkaufen den Sündern teure Ablässe.
Nicolaus beherrscht das Handwerk des Ausbeuters und Pfründe-Vermehrers
ebenso subtil wie das des Dokumenten-Experten.
Bevor er überhaupt Priester (und damit Seelsorger) ist, schustert ihm sein Freund,
der Bischof, die einträglichste Pfründe der Diözese zu.
In wenigen Jahren ist er ein reicher Mann.
Er kommandiert eine Schar von Vikären (Hilfspriester), die ihm die Seelsorge
abnehmen, während er das ganz große Geld macht.
Was er dabei an List und Abgebrühtheit an der Tag legt, steht dem moderner
Profithyänen wie Onassis und Getty nicht nach.
  Nicolaus stellt sich die Frage, ob es überhaupt mit dem Willen Gottes
vereinbar ist, wenn sich sein Reichtum türmt, doch seine Antwort fällt
so unphilosophisch und niveaulos aus, daß jeder halbwegs gebildete
Kapitalist sich genieren würde, sie zu geben:
Nicolaus verweist auf die Almosen, die er den Armen schenkt,
und auf den schlichten Lebenswandel, den er trotz seiner irdischen Güter führt.
  Seine Profitgier macht es darum auch schwer,
ihn auf die Galerie jener Geister zu stellen, die - wie Sokrates oder Kant -
das Image vom sittlich hochstehenden Philosophen geprägt haben.
Und auch die Kirche, sonst nicht eben zimperlich, wenn es ums Geld geht,
kommt mit dem abstoßenden Charakterzug ihres berühmten Sohnes
nicht zurecht - jedenfalls hat sie ihn nicht heiliggesprochen.
  1430 stirbt Nicolaus' Gönner, Erzbischof Otto von Trier.
Der Streit um die Nachfolge entartet zu einem wüsten Krieg.
Der rabiateste unter den Bewerbern, Graf Ulrich von Manderscheid,
wendet sich 1432 an das Konzil in Basel.
Er will dort seinen Anspruch auf den einträglichen Bischofsstuhl
gerichtlich einklagen.
Nicolaus, der Advokat und Doktor der Kirchenrechte, begleitet ihn.
  So rutscht - mehr durch Zufall - der Fischerssohn aus Kues
in die ganz große Politik.
Denn in Basel entscheiden die führenden Köpfe der kirchlichen Macht über
das Schicksal des Abendlandes. Nicolaus sieht seine Chance.
Damit er im Kreis der erlauchten Diplomaten nicht ständig an seinen niedere
Herkunft erinnert wird, läßt er seinen Familiennamen Krebs fallen
und latinisiert den seines Geburtsortes.
Als Nicolaus Cusanus betritt er die geschichtsträchtige Szene.
Von nun an beginnt er ein Leben großen Stils.



 
Der Nominalismus entstand aus der
"Scholastik", der Philosophie,
die das Denken des Mittelalters
beherrschte.
Nominalisten waren u. a. :
Der Mönch Petrus Abälard,
1079-1142, der mehr noch
durchseine Liebe zu Héloise,
der Nichte eines Pariser
Kanonikus, berühmt wurde.
Er lehrte, daß die Universalien
nicht vor, sondern "in" den Dingen
stecken (etwa wie Weingeist
im Wein). - Wilhelm von Occam
(geb. um 1300) wollte die
Theologie aus dem Streit
heraushalten.
Dagegen wehrte sich die Kirche,
weil dies gleichgedeutend war mit
einer Spaltung von Theologie
und Wissenschaft.

Meister Eckehart Handschriften
Der erste deutsche
Philosoph, der seine Texte nicht
in lateinischer, sondern in seiner
Muttersprache schrieb,
war der Dominikanermönch
Meister Eckehart, (1260-1327).
Er stammte aus einem
thüringischen Rittergeschlecht,
studierte in Köln und Paris und
wurde 1303 Provinzial (Vorsteher)
seines Ordens in Sachsen.
Eckehart ist einer der
bedeutendsten Mystiker
des Mittelalters.
Im Gegensatz zu den
Scholastikern, die Gott mit
Hilfe des Verstandes,
der Logik erkennen wollten,
lehrte er, man könne im
"Schließen der Augen",
in einem sittlichen und
kontemplativen Lebenswandel
die Vereinigung mit Gott "erleben".
Die oben abgebildeten Zeilen
stammen aus einer seiner
frühesten Handschriften.
Ein Krebs im Kardinals-Wappen symbolisiert den Familenname Nicolaus





Ein Krebs im Kardinals-Wappen
symbolisiert den Familiennamen
des Nicolaus.
Der Philosoph glaubte an die
Astrologie und behauptete,
er habe unter dem Tierkreiszeichen
des Krebses Karriere gemacht.

Albertus Magnus (Albert der Große, 1193-1280)
Albertus Magnus
(Albert der Große, 1193-1280),
Sproß eines schwäbischen
Grafengeschlechts,
trat etwa 1223 dem
Dominikanerorden bei.
Der Scholastiker lehrte in Paris
und Köln und war kurze Zeit
Bischof von Regensburg.
Bedeutung gewann er vor allem,
weil er der Philosophie des
Aristoteles im Christentum
zum Durchbruch verhalf.
Überdies war der
"doctor universalis"
der berühmteste
Naturwissenschaftler
seiner Zeit.
Er gehörte zu den Gelehrten,
die den Wert der Beobachtung
und des Experiments voll
erkannten.
Wegen seiner Kenntnisse,
die von der Botanik bis zur
Astronomie und Astrologie
reichten, geriet er in den Ruf
eines Magiers.
Im Gegensatz zu Nicolaus
von Kues sprach die Kirche
Albert den Großen heilig.

  Das Konzil steht unter einem schlechten Zeichen.
Die Phalanx der Kirchenreformer will dem Ablaß-Schacher, dem wüsten Leben
in den Klöstern und dem katastrophalen Bildungsnotstand der Geistlichkeit
per Beschluß ein Ende machen.
Ihre brisanteste Forderung, jedoch berührt ein Problem, das noch heute die
katholische Kirche belastet: die Frage nach der Macht des Papstes.
  Nicolaus schlägt sich auf die Seite der Reformer.
Wort- und trickreich macht er Stimmung gegen Papst Eugen., fordert dessen
Rücktritt oder zumindest seine Unterwerfung unter den Willen des Konzils.
Geistiges Profil gewinnt Cusanus aber erst, als er 1433 - gleichsam nach
Feierabend - sein erstes Werk verfaßt: "Über die allgemeine Eintracht".
  In dieser Schrift entwickelt Nicolaus einen gigantischen Plan,
der die innerlich zerstrittenen und vom Zerfall bedrohten Mächte - das Papst
und das Kaisertum - retten soll.
Und das geht, seiner Meinung nach, nur in einer Verbindung der Lehre von den
"Einzelheiten" mit Platons Theorie von den "Universalien" (den Allgemeinheiten).
  Der Text ist also mehr eine politische als eine philosophische Abhandlung.
Gleichwohl weist er seinen Autor als überragenden Dialektiker aus.
Das heißt: Cusanus denkt nicht eindimensional,
sein Denken zielt vielmehr - im Gegensatz zum Alltagsdenken - immer aufs Ganze.
  Dieser Aspekt der Dialektik besagt etwa: Wenn jemand im Gespräch erklärt,
er besitze ein Haus, so sind wir mit der Auskunft meistens zufrieden.
Anders dagegen ein Dialektiker vom Schlage des Cusanus.
Nach seinem Denken gewinnt das Haus erst richtig "Existenz",
wenn er das Beziehungsgeflecht aufgedeckt hat,
in dem das Haus sonst noch steht: (Mieter, Baumaterial usw.).
Diese Menschenund Dinge hängen jedoch ihrerseits in einem Netz unzähliger
Verbindungen, das sie mit anderen Menschen und Dingen verknüpft.
Zu Ende gedacht bedeutet das: Alles steht mit allem (dem Ganzen) in Verbindung.
Oder anders: Wir begreifen die "Existenz" eines Hauses um so genauer,
je mehr wir seine Beziehungen zum Ganzen ergründen.
Im Ganzen aber fällt das Gegensätzliche zusammen.
Nach dieser Methode analysiert Cusanus in seiner Politschrift auch die Frage
nach Kirche und Papst.
Dabei kommt er häufig zu Denkergebnissen, die unmittelbar die Grundgesinnung
des Menschen ansprechen.
Zum Beispiel, wenn er sich mit dem (dialektischen) Begriffspaar Einheit und Vielfalt
beschäftigt: Die Einheit, sagt er, ist bei Gott.
Sie steht über allen Gegensätzen, über jedem Ja und Nein.
Die Einheit setzt jedoch Vielfalt voraus, ohne Vielfalt keine Einheit
(oder Eintracht, Harmonie).
  Cusanus geht sogar noch weiter. Er behauptet: Aus der Einheit entfalten sich
die vielfältigen Dinge um uns herum.
Sie sind gleichsam die sichtbaren Arme der Einheit, die uns verborgen ist.
Die Dinge müssen vielfältig und unterschiedlich sein, weil wir sie sonst nicht
wahrnehmen oder erkennen können.
Den Erkennen heißt: trennen, scheiden, unter-"scheiden".
Die Einheit können wir zum Beispiel nicht erkennen,
weil sie sich nicht trennen läßt.
Wir schließen auf die Existenz der Einheit lediglich, weil es die vielfältigen
Dinge gibt, die wir wahrnehmen.
Wenn jedoch die Einzeldinge, zu denen Cusanus auch die Menschen zählt,
aus der Einheit kommen und sogar deren Glieder sind, so können sie - streng
logisch gesehen - unmöglich feindselig gegeneinander stehen.
Die Menschen zum Beispiel sind - vom Standpunkt der Einheit aus betrachtet -
in erster Linie deshalb verschieden, damit sie überhaupt existieren
und sich erkennen können.
Ihre Streitigkeiten deckt die Logik von der Einheit und der Vielfalt nicht.
  Cusanus fordert uns also zu einer Lebenshaltung, zu einer Einstellung auf,
in der wir die Unterschiede und sogar die Gegensätze von Ja und Nein nicht mehr
feindselig begreifen, sondern als das, was sie ihrer Logik nach sind:
Teile, die das Ganze - die Einheit - lebendig "repräsentieren".
  In Basel beschwört Cusanus mit solchen Argumenten die Einheitsidee
der katholischen* Kirche und die des "Deutschen Reiches".
Grimmig wendet er sich an die Vertreter der Sekten, die Abweichler vom rechten
Glauben, und die Politiker, die nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind.
Er mahnt sie: Viele "Einzelne" erheben sich dünkelhaft über die Einheit,
das Ganze, indem sie das Konzil dazu benutzen,
ihre Privatmeinungen durchzudrükken, anstatt der Einheit zu dienen.
Dies sei eine Sünde wider den Heiligen Geist, den Nicolaus mit der
Kraft gleichsetzt, die in der Einheit wirkt.
  Trotz seiner Appelle steht Cusanus selbst noch auf Seiten der Papstgegner.
Doch am 5. Dezember 1436 - das Konzil geht ins sechste Jahr - sorgt Nicolaus
für eine Sensation, die alle Teilnehmer wie ein Blitz aus heiterem Himmel trifft.
Ohne erklärbaren Grund setzt er sich aus dem Lager der Reformer ab
und läuft zum Clan von Eugen IV. über.
Seine Freunde schreien Verrat, schimpfen, er sei ein Renegat, ein Abtrünniger,
aber er schüttelt die Vorwürfe kühl ab.
  Beflissen dient er sich dem Mann an, den er gestern noch wild bekämpfte.
Der Papst ist skeptisch.
Doch schnell wie ein Trickartist bringt Cusanus das Kunststück fertig,
die Bedenken Eugen IV. zu zerstreuen: Zwei Wochen nach seinem Frontwechsel
fungiert er bereits als Chefsprecher der päpstlichen Fraktion.
Und als der Heilige Vater kurz darauf eine Delegation zusammenstellt,
die in Konstantinopel ein Konzil mit der orthodoxen Ostkirche vorbereiten soll,
ist Nicolaus selbstverständlich dabei.
Leider gibt es keinen Hinweis, der erhellt, wie Cusanus Menschen,
die von ihm enttäuscht sein müßten, umdreht und für sich gewinnt.
Seine politischen Gegner jedenfalls, verzeihen ihm, sobald er ihnen die
Hand drückt, wie die Frauen dem Casanova.
  Die Mission in Konstantinopel ist heikel.
Unter den Führern der Ostkirche hat sich herumgesprochen,
daß der Heilige Stuhl, auf dem Papst Eugen IV. sitzt, mächtig wackelt.
Sie wissen: Auf dem Konzil in Basel waren die Papst-Getreuen
nur eine verschwindende Minderheit.
Sowohl der Kaiser von Byzanz als auch der Patriarch stellen sich deshalb
die berechtigte Frage, ob sie es überhaupt mit den rechtmäßigen
Vertretern der römischen Kirche zu tun haben.
Doch Cusanus und seine Delegation reden den beiden Machthabern jeden Zweifel
aus und bringen sie dazu, ihre Flotte zu besteigen und nach Italien zu segeln.
  Es ist November 1437.
In achtzig Jahren wird Martin Luther seine berühmten 95 Thesen an die
Schloßkirche zu Wittenberg schlagen und die Neuzeit einläuten.
Doch genaugenommen bricht diese Epoche in einer jener Novembernächte an.
Ein Sturm zerwühlt das Meer. Nicolaus kann nicht einschlafen.
Er geht an Deck seines Schiffes.
Und dort erhält er - wie er selbst berichtet - "ein Geschenk von oben,
vom Vater des Lichts". Irdischer ausgedrückt: Die Weite des Meeres inspiriert ihn
zu der Vorstellung, daß der Kosmos unendlich sei.*
  Diese Entdeckung hebt das ganze bisherige Weltbild,
das "ptolemäische", aus den Angeln.
Sie zerstört den festen Glauben der Menschen, daß sich der Himmel,
in dem Gott mit den Seelen der Verstorbenen weilt,
direkt über ihrem Kopf, über den Sternen wölbt.
  Der revolutionäre Gedanke setzt sich nur langsam durch - wahrscheinlich,
weil er im Grunde eine grausige Zumutung ist.
Die Erde, sagt Cusanus, hat keinen höheren Adel als jeder andere Stern.
Der "Blick Gottes" ruht nicht auf ihr allein;
ebensowenig ist sie der alleinige Mittelpunkt des Weltalls.
Sie ist es nicht, weil in der Unendlichkeit jeder Punkt Mittelpunkt sein kann
und deshalb kein einziger es ausschließlich ist.
  Vor allem aber sabotiert die neue Vorstellung vom Kosmos bis heute die Hoffnung,
die Totalität des Weltalls in den Griff zu bekommen.
Sie macht es unmöglich, das Universum als eine berechenbare Größe zu begreifen
und zerstört den von Kopernikus bis Heisenberg gehegten Wunsch,
die Beschaffenheit des Kosmos in einer Weltformel auszudrücken.
  Mehr noch: Sie hebt letzlich die mathematische Kosmostheorie auf und
setzt an ihre Stelle eine dialektisch-religiöse Idee von der fremden
Schönheit des "Alles-Umgreifenden", den wir Gott nennen.
Der als Ketzer verbrannte Philosoph Giordano Bruno vergleicht den Cusaner
mit einem der Großväter der Mathematik, dem Griechen Pythagoras,
und schreibt: "Die Weisheit hat ihr Haus auf sieben Säulen gebaut.
Dies Haus stand zuerst in Ägypten... jetzt steht es in Deutschland".
  Nicolaus zieht sich für kurze Zeit aus dem diplomatischen Dienst
zurück und widmet sich in Kues ganz der Philosophie.
Der Unendlichkeitsbegriff löst eine Lawine von Gedanken in ihm aus,
die er unter anderem in seinem Werk "Vom gelehrten Nicht-Wissen" beschreibt.
Der Titel ist dem berühmten Satz des Sokrates - "Ich weiß, daß ich nichts weiß" -
nachgebildet und drückt eine philosophische Haltung aus,
die allem irdischen Wissen letzlich mit Skepsis gegenübersteht.
  Besonders die Ergründung der Unendlichkeit macht die Ohnmacht
des menschlichen Verstandes spürbar.
Nicolaus stößt mit seinen Gedanken immer wieder an Grenzen,
die er mit der konventionellen Logik nicht überspringen kann.
Er beschreibt zum Beispiel Gott als das Unendliche und stellt fest:
Zwischen dem Unendlichen - dem "Absoluten" -
und den endlichen Menschen und Dingen gibt es kein Verhältnis,
keine Vergleichsmöglichkeit wie etwa zwischen Äpfeln und Birnen.
Vielmehr tut sich ein Abgrund auf, der durch das Denken nicht zu überbrücken ist.
Vielleicht aber, sagt Cusanus, kommen wir durch Nichtwissen an Gott,
das Unendliche oder das Absolute heran.
  Darunter versteht der denker natürlich nicht, daß man seine Bücher
wegwerfen soll, vielmehr verbirgt der kühne Gedanke eine totale Umkehrung
der Logik: Wenn wir einen Gegenstand, einen Baum zum Beispiele,
nicht beschreiben können, so sind wir doch in der Lage zu sagen,
was er nicht ist.
Das heißt: Wir müssen alle Dinge aufzählen, die sich von einem Baum
unterscheiden (er ist kein Gras, kein Stahlmast usw.).
Dadurch bleibt am Ende zwangsläufig der Baum - gleichsam als
das Ausgesagte - übrig.
Wir haben ihn dann "negativ" bestimmt und wissen über ihn insofern Bescheid,
als uns bewußt wird, was er nicht ist.
  Auf Gott angewendet ist die Logik noch komplizierter.
Denn Gott ist nicht "Etwas", kein Ding wie ein Baum.
Demnach bleibt - im Gegensatz zum Baum - bei unserer Aufzählung,
was Gott nicht ist, nichts übrig - Gott ist also weder positiv noch
negativ bestimmbar.
Und das bedeutet: Das Nichts und Gott sind ein und dasselbe.
Vielleicht ist jetzt verständlicher, was der Philosoph unter seinem
Buchtitel versteht: Indem wir uns mit Gott beschäftigen,
werden wir "gelehrt", aber an das, was wir eigentlich wissen wollen,
kommen wir nicht heran: So bleiben wir immer "Gelehrte Unwissende".
  Schon ein Jahr später hat Cusanus die Ruhe des Moseldorfes satt
und meldet sich zurück in den kirchlichen Dienst.
Der Schritt wird noch heute von Philosophen bedauert.
Tatsächlich besitzt Nicolaus nicht die Beharrlichkeit eines Platon oder Kant,
die ihre Philosophie in einer alles umfassenden Lehre - von Gott bis zum Recht,
von der Politik bis zur Astronomie - ausarbeiteten.
  Im Sinne der Nominalisten ist er auch kein exakter Wissenschaftler.
Dazu fehlt ihm der Sinn fürs Detail.
Er beschreibt zwar in verschiedenen Werken, wie man die Kunst des Messens
und Wägens verbessern kann, er versucht sogar herauszufinden,
ob das Blut eines Kranken anders (zum Beispiel: schwerer) ist als das
eines Gesunden (Blutsenkung), - aber er betreibt das nicht mit letzter
Konsequenz wie etwa der Arzt Paracelsus.
Am tragischsten wird seine genial-laienhafte Begabung in der Mathematik spürbar.
Er steht kurz davor, die Infinitesimal-, die Unendlichkeitsrechnung, zu entdecken.
Aber er stößt die Türe nicht auf, so daß zweihundert Jahre vergehen,
bis Leibniz und Newton diese Entdeckung machen.
  Als Cusanus sich 1438 wieder der Politik verschreibt,
bedeutet dies im Grunde einen Schritt zurück für ihn.
Denn so überragend sein Verhandlungsgeschick auch ist, - er bleibt auf der
geistigen Ebene der Diplomatie, in der Kunst des Möglichen stecken.
Politisch konservativ bis in die Fußspitzen, versucht er lediglich,
mit viel Überzeugungskraft die zerfallene Kirche zu retten.
Ihm fehlt jede Vision von einer besseren, anderen Welt, wie Männer vom Schlage
eines Thomas Morus ("Utopia") sie haben.
Mit anderen Worten: Cusanus steigert sich nicht mehr, als er die politische Szene
erneut betritt, er wächst nicht über Basel hinaus.
Fast zehn Jahre reist er durch Deutschland und beredet die Fürsten,
sie sollten dem Heiligen Vater in Rom die Treue halten.
Denn in Basel tagen noch immer die Konzilsväter.
Sie sind noch immer zerstritten, eine Spaltung der Kirche liegt noch immer
in der Luft, und deshalb wollen die weltlichen Herrscher erst einmal abwarten,
wie sich der Streit entwickelt.
  Darüber stirbt Papst Eugen IV., der Freund des Cusanus.
Der neue Papst, Nikolaus V. scheint dem Mann aus Kues aber noch
geneigter zu sein.
Als es 1448 dem Diplomaten gelingt, die Deutschen Fürsten endgültig an den
Vatikan zu binden, ernennt ihn Nikolaus V. aus Dank zum Kardinal.
Mit dem roten Hut erhält Cusanus neue Pfründen und - wie es einem Kirchenfürsten
zusteht - eine Titelkirche, St. Pietro in Vincoli, in Rom, als Geschenk.
Er hat jetzt auch äußerlich den Höhepunkt seiner Karriere erreicht.
  1450 reist er erneut nach Deutschland. Diesmal ist er mehr Polizist als Diplomat.
Er soll die Klöster reformieren, und das heißt: die Huren aus den Betten
der Mönche werfen.
In den Klöstern finden wüsten Trinkgelage statt, Männer verkehren in Frauenstiften,
kaum ein Geistlicher kümmert sich mehr um die Gläubigen,
die allmählich dem Aberglauben verfallen.
  In dieser Zeit zeigt sich Cusanus von seiner unerbittlichsten Seite.
Wo immer er Unzucht und Völlerei wittert, greift er rabiat durch:
Vor allem bei den Benediktinern und Augustinern. Die Mönche ihrerseits reagiren
feindselig, so daß Cusanus um sein Laben bangen muß.
Einmal, behauptete er, habe ihm ein Mönch ein vergiftetes Kreuz
zum Küssen gereicht. Die Patres dagegen behaupten, er sei ein Mörder.
Er habe einen Mönch, der sich selbst zum Bischof machen wollte,
mit eigenen Händen im Rhein ertränkt.
  Bei den Gläubigen kommt der Kirchenmann ebenfalls nicht gut an.
Sie nehmen ihm übel, daß er sein Vermögen zum Teil auf Kosten
armer Leute zusammengerafft hat.
Verwundert schütteln auch viele den Kopf, wenn sie seiner Show zusehen:
Wie Jesus in Jerusalem, so kommt auch Cusanus auf einem Esel
durchs Stadttor geritten.
  So scheitern im Grunde alle seine Reformen.
Oft haben sich Theologen die Frage gestellt, ob es "Luther nicht gegeben" hätte,
wenn Cusanus erfolgreicher bei seinen Reformen gewesen wäre.
Karl Jaspers, der Philosoph und Cusanus-Biograph, gibt zur Antwort:
Es wäre auch dann zu einer Spaltung gekommen.
Denn Cusanus will nur die Lebensweise, die äußerlichen Dinge reformieren.
Auf den Gedanken, daß zu einer Reform eine innere Umkehr gehört,
kommt er nicht. So bleiben seine Reformen in der Durchsetzung
von Verboten - wie dem der Unzucht - steckken.
Den seelischen Wandel der Mönche, der sie dazu bringt,
von sich aus das dolce vita aufzugeben, betreibt Nicolaus nicht.
  Die Mißerfolge machen ihn ruhelos.
Er findet nur nachts Zeit, sich seinen philosophischen Arbeiten zu widmen.
Die meisten seiner Werke schreibt er bei Kerzenlicht in den Klöstern,
die er tagsüber säubert.
Die Titel seiner Schriften machen heute noch neugierig.
Zum Beispiel: "Von der Jagd nach der Weisheit", "Vom Gipfel der Schau"
oder "Vom Frieden des Glaubens".
  In der Unendlichkeit, hat er entdeckt, gibt es den "Zusammenfall der Gegensätze".
Für diesen Gedanken findet er anschauliche Bilder:
Wenn wir einen Kreisel mit der Peitsche schlagen, haben wir den Eindruck,
er würde sich nicht drehen, sondern unbeweglich auf seiner Spitze stehen.
Das ist natürlich eine optische Täuschung.
Aber wenn sich der Kreisel mit unendlicher Geschwindigkeit dreht,
rührt er sich tatsächlich nicht mehr.
Denn die unendliche Geschwindigkeit ist identisch (fällt zusammen)
mit der absoluten Ruhe.
  Auch für Gott findet er neue, abgründige Worte.
Er begreift ihn zum Beispiel als "Können Sein". Das heißt:
Gott besitzt sein Können nicht wie ein besonders geschickter Handwerker,
als eigenschaft oder Talent also.
Vielmehr sind Gott und das "Können Sein" identisch.
Dieses Können-Sein geht jedem anderen Können voraus.
Deshalb gründen alle Dinge, in dem, was sie sind und können, in Gott.
Er ist alles Sein und Können.
Nichts kann früher, mächtiger, größer oder kleiner sein als dieses Können - Sein.
  Doch mit Cusanus, dem endlichen, "vergleichbaren" Wesen,
geht es bergab. Altersstarrsinn macht sich bemerkbar.
1450 ernennt ihn der Papst zum Bischof von Brixen.
Und damit beginnt die dústerste Tragödie seines Lebens.
Der Adel dort will ihn nicht als Hirten haben.
Besonders Herzog Sigismund macht ihm den Stuhl des Fürstbischofs streitig.
Eine einflußreiche Jugendfreundin, die Abtissin Verena,
unterstützt ihn in seinem Kampf gegen Cusanus.
Sie befürchtet zu Recht, daß der neue Bischof ihr Kloster reformieren will.
  Sigismund, ein geübter Psychologe, beobachtet den Kardinal eine Weile,
dann hat er denn wunden Punkt des Cusaners entdeckt:
Nicolaus hat angst, er leidet unter dem Wahn, man will ihn umbringen.
  Sigismund nutzt diese Schwäche aus. Er zettelt eine Intrige an,
und sorgt dafür, daß Cusanus zu Ohren kommt,
man versuche ihn in einen Hinterhalt zu locken und zu erdolchen.
Der Kardinal fällt prompt auf das Geflüster herein.
Er fühlt sich in Brixen nicht mehr sicher und flüchtet in sene Burg Buchenstein,
die am Rand der Diözese liegt.
  Ein jahr versteckt er sich dort.
1458 wird Enea Silvio - er stammt aus dem Geschlecht der Piccolomini -
zum Papst Pius II. gewählt.
Er durchschaut die Posse, die der Herzog mit dem Kardinal treibt.
Doch er läßt sich nichts anmerken, sondern fordert Nicolaus auf,
"seine Kraft nicht in Schnee und dunklen Tälern zu vergeuden"
und nach Rom zurückzukehren.
Erleichtert nimmt Cusanus den Rückruf an.
  Von Rom aus zettelt er dann einen nutzlosen Streit um das Bistum an.
Er ärgert sich über die entgangenen Pfründe und Macht den Papst mobil,
er soll seinen Anspruch durchdrücken.
  Pius verspricht Hilfe, aber in Wirklichkeit kümmert
er sich um den Fall Brixen nicht.
Ein Verzicht wäre die einzige Chance, den Streit beizulegen.
Doch daran denkt Cusanus überhaupt nicht.
Bis zu seinem Tode bleibt er starr bei seiner Meinung,
daß der Tiroler Bischofsstuhl ihm gehöre.
  Er ist jetzt 57 Jahre alt.
Er macht noch einmal einen Sprung nach oben,
wird Chefberater des Papstes. Doch sein Einfluß hat eher abgenommen.
Wie wenig er die politische Entwicklung noch in der Hand hat,
zeigt sich besonders, als Pius II. einen Kreuzzug gegen die Türken starten will.
Cusanus rät ab.
Das Abendland habe unter seiner Zerrissenheit zu sehr gelitten und bring nicht
mehr die Kraft zu einem großen Krieg auf.
  Doch der Papst schlägt seine Warnungen in den Wind.
Er befiehlt ihm sogar, an die Adria zu reisen und die Flotte zu segnen.
Cusanus übt Gehorsam und unterwirft sich dem Willen des politisch
ahnungslosen Schöngeistes Pius II.
Resigniert macht er sich auf den Weg.
  Die Reise ist anstrengend. Reglos steht die Hitze in den umbrischen Bergen.
Es ist der 11.August 1464. Seit zwei Wochen hat Cusanus Fieber.
In Todi, einer kleinen Stadt, verlassen ihn endgültig die Kräfte.
Er stirbt, einsam, ganz untheatralisch, wie wir es von den Kardinälen
des Mittelalters kaum kennen, in einer Herberge - seine Enttäuschung,
Brixen und den Kreuzzug, hinter sich lassend.
  Auf senen Wunsch hin setzt man seine Gebeine in seiner Kirche
Pietro in Vincoli bei, unmittelbar neben einer kostbaren Reliquie:
den Ketten des Heiligen Petrus.
Als der Apostel einmal in Gefangenschaft geraten war, erzählt die Legende,
kam ein Engel und nahm ihm die Fesseln ab.
In dieser Kirche steht auch, weit beziehungsreicher zum Charakter des Cusanus,
eine berühmte Statue: der Moses des Michangelo.
Sie stellt, wie Karl Jaspers sagt, einen Mann dar, der in allem groß war:
im Gehorsam wie im Ungehorsam, im Zorn wie in der Liebe.
Er hat die Vision vom Gelobte Land und das politische Genie, seinem Volk,
den Kindern Israels, in Zeiten höchster Not die einigende Kraft zu geben.
Diese hohen Eigenschaften, zu denen nicht zuletzt seine Weisheit gehört,
entzieht den Moses - anders als den Cusaner - jeder herkömmlichen,
normalen Beurteilung.
Das Herz des Cusanus wird 50 Jahre später nach Kues überführt und ruht
dort in der Kapelle des Armenstifts, das er gegründet hat,
und das die Engländer im Zweiten Weltkrieg verschonten.
  Seine Größe, die der "Philosoph der Zeitenwende",
trotz aller Charakterschwächen zweifellos besitzt, ist schwer zu bestimmen.
Als Metaphysiker, bleibt sein Denken zeitlos.
Es ist nicht auf eine bestimmte Gesellschaftsordnung, wie etwa auf die des
Feudalismus oder die des Kapitalismus zugeschnitten.
Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb Cusanus nicht - wie Kant oder
Hegel - eine philosophische Schule begründet hat.
Enttäuschend an ihm ist aber vor allem, daß er seine Philosophie nicht einmal
im Ansatz gelebt hat.
Seine Theorie, seine Lehre, fällt mit sener politischen Praxis nicht zusammen.
  Historisch gesehen spiegelt sein widersprüchlicher Charakter
das zerrissene politische Klima seiner Epoche wieder.
Seine Demut gegenüber Gott ist genauso ausgeprägt wie sein Sinn für Geld,
sein skrupelloses Profitstreben.
So gehört er noch zum Mittelalter, aber auch schon zur Neuzeit.
Durch seine tiefen, wissenschaftlichen Ahnungen spürt er,
daß eine neue Epoche auf die Menschen zukommt.
  Aber er will die Menschen nicht - wie Martin Luther oder gar
Karl Marx - dazu antreiben, mit der Tradition zu brechen
und sich radikal der Zukunft zuzuwenden. Im gegenteil:
Cusanus bemüht sich, den Glauben der Menschen zu festigen,
damit das anbrechende Zeitalter sie nicht verschlingt.
   
                                                                
     
*Katholisch = allgemein
Papst Eugen IV. (1383-1447)
Papst Eugen IV. (1383-1447)
eröffnete 1431 das Konzil 
zu Basel,an dem auch
Nicolaus von Kues teilnahm.
Als das Kirchenoberhaupt merkte,
daß die Versammlung seine Macht
beschneiden wollte,
versuchte er, sie aufzulösen.
Doch das gelang ihm nicht.
*Der Unendlichkeitsbegriff
war im Denken des Mittelalters
unbekannt.
Die Scholastik, die chrisliche
"Schulphilosophie", kennt nur
das Wort "Ewigkeit",
das sie zeitlich begreift
und im Zusammenhang
mit Gott benutzt.
                                       Paul-Heinz Koesters - Deutschland deine Denker -
                                             Stern Bücher im Verlag Gruner+Jahr AG & Co,
                                                                      Hamburg 4. Auflage 1981
Das Grabmal des Nicolaus in der Kirche St. Pietro in Vincoli in Rom




Der Philosoph betet
zum heiligen Petrus.
Eine Legende erzählt,
daß der Apostel einmal
in Gefangenschaft geraten sei.
Daraufhin haben ein Engel
ihn von seinen Ketten befreit.
Das Relief schmückt das
Grabmal des Nicolaus in der Kirche
St. Pietro in Vincoli in Rom.
De Docta Ignorantia
Die Schrift über das
gelehrte Nichtwissen
(-De Docta Ignorantia-)
schrieb der Philosoph 1440.
Der Titel ist dem berühmten
Satz des Sokrates -Ich weiß,
daß ich nicht weiß- nachgebildet.
Nicolaus von Kues Kardinal
Als Kardinal und
Chefberater des Papstes
stand Nicolaus von Kues nur
scheinbar auf dem Höhepunkt
seiner Macht.In Wirklichkeit
war sein Einfluß eher schwach.
  Er schaffte es nicht,Pius II.
von seinen Kreuzzugspläne
gegen die Türken abzubringen.
Enea Silvio Piccolomini regierte als Pius II.
Enea Silvio Piccolomini
regierte als Pius II.
die römische Kirche.
Er starb wenige tage
nach seinem Freund
Nicolaus Cusanus.