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Die Feldtheorie Kurt Lewins

Die Feldtheorie ist wie die Gestalttheorie eine dynamische Theorie.
Beide Theorien handeln von Bereichen innerhalb deren es keine gegeneinander
isolierten, unabhänging voneinander bestehenden Bereiche gibt.
Die Zustände an sämtlichen Stellen solcher Bereiche stehen in
dynamischen Zusammenhang.
Ein solcher Bereich reagiert stets als Ganzer und im allgemeinen pflanzt sich jede
örtliche Einwirkung durch das Ganze fort (Metzger, 1975).

   Gestalttheorie und Feldtheorie sind schwer gegeneinander abzugrenzen;
ja man könnte sogar sagen, daß die Gestalttheorie ihrer Natur nach eine
Feldtheorie ist. Das wird besonders deutlich bei der Betrachtung der Definition,
die Einstein für das "Feld" gibt (1934, nach Metzger, 1975, S. 322):

   "Eine Gesamtheit gleichzeitig bestehender Tatsachen, die als gegenseitig voneinander
abhänging begriffen werden, nennt man ein Feld".

   Die Denkweise und der Grundansatz Lewins unterscheiden sich also nicht
von denen der übrigen Gestaltpsychologen.
Er hat lediglich ein anderes Problem in den Mittelpunkt gestellt - nämlich das
Problem der Bewegung des Menschen in der Umwelt, während sich die
klassischen Gestaltpsychologen vorwiegend mit dem Problem der Ausbildung
der Umwelt (der Wahrnehmung) beschäftigten.

   "Und es ist nicht verwunderlich, daß im Augenblick dieser Verlagerung des Blickes
(wies sie sich bei den im vorangehenden Abschnitt dargestellten Forschungsergebnissen
im Bereich der Affekt- und Willenpsychologie schon deutlich zeigt; hjw) völlig andere
Eigenschaften des Feldes in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit traten, z. B. die auf den
ganzen Menschen einwirkenden anziehenden, abstoßenden und steuernden Kräfte
(die Aufforderungscharaktere), wie auch die seinen Bewegungsspielraum einschränkenden
Hindernisseund Bereichsgrenzen" (Metzger, 1975, S. 324).

   So kommt Lewin auch zu der Aussage:

   "Die Psychologie muß den Lebensraum, der die Person und ihre Umwelt umschließt,
als ein Feld betrachten" (vgl. II.).

   Die Differenz, die zwischen Wertheimer, Koffka und besonders köhler auf
der einen und Lewin auf der anderen Seite besteht, basiert auch nicht auf dem
Grundansatz ihrer Theorien, sondern darauf, daß jene gleichzeitig auf psycho-
logischer und physiologischer Ebene er-erklären und daß Lewin ihrer Ansicht
nach eine völlig autochthone Psychologie entwickeln möchte, d. h. nur psycho-
logische Erklärungen verwenden will (vgl. Graefe, 1961).

   Welches sind nun die grundlegenden Charakteristika der Feldtheorie?
Lewin selbst faßt sie folgendermaßen zusammen (Lewin, 1963, S. 102):

1. Die Anwendung der konstruktiven Methode anstelle einer klassifi-
    zierenden Methode.
2. Das Interesse für die dynamischen Aspekte der Ereignisse.
3. Der psychologische anstelle eines physikalischen Ansatzes.
4. Die von der Gesamtsituation ausgehende Analyse.
5. Die Unterscheidung zwischen systematischen und historischen Problemen.
6. Die mathematische Darstellungdes Feldes (Topologie).

   Zu 1.:
   Jede Wissenschft befindet sich in Schwierigkeiten, wenn es darum geht,
allgemeine Begriffe und Gesetze zu entwickeln, da die Verbindung zwischen
Gesetz und Einzelfall sehr schwer zu halten ist.
Für die Psychologie ist das im Hinblick auf ihren Untersuchungs-
gegenstand - den Menschen - ein ganz besonderes Problem.
   Lewin (1931, nach Lewin, 1963, S. 17) kommt bei der Behandlung dieses
Problems zu dem Schluß, daß die aristotelische Begriffsbildung
(vgl. auch Teil II, 2.), die auch heute noch weithin in der Psychologie und in
der Soziologie angewandt wird, für die Erklärung des Einzelfalls aus zwingenden
Gründen untauglich ist.
Die wissenschaften beginnen mit der Klassifizierung der sie interessierenden
Phänomene nach ihrer anschaulichen Ähnlichkeit, und die Schwierigkeit beginnt
in dem Augenblick, in dem Phänomene aus der Deskription in die Begriffe der
abstrahierenden Klassenlogik überführt werden und ein Eigenleben gewinnen.

   " 'Abstrahiert man einmal von den individuellen Unterschieden', so gibt es keinen logischen
Weg zurück vom Allgemeinen zum individuellen Fall.
Solche Verallgemeinerungen gehen von einem individuellen Kind zu Kindern einer bestimmten
Alterstufe oder ökonomischen Klasse über und von da zu Kindern aller Alter
und ökonomische Klassen; sie führen von einem seelisch kranken Individuum zu
ähnlichen pathologischen Typen und von da zur Allgemeinen Kategorie der
'abnormen Persönlichkeit'. Jedoch gibt es keinen logischen Weg zurück vom Begriff 'Kind'
oder 'abnorme Persönlichkeit' zum individuellen Fall". (Lewin 1935a, nach Lewin 1963, S. 102).

   Lewin Alternative ist nun die "konstruktive Methode", deren Wesen in der
Darstellung eines individuellen Falles mit Hilfe einiger weniger "Konstruktions-
elemente" liegt. Solche Konstruktionselemente sind im psychologischen Feld z. B.,
der psychologische "Ort" oder die psychologische "kraft".
Es ist nun die Aufgabe der Psychologie, die Relationalität der verschiedenen
Konstruktionselemente in einem bestimmten Systemzusammenhang zu einem
bestimmten Zeitpunkt zu ermitteln und allgemeine Gesetze über die Beziehung
zwischen ihnen herzustellen.

   "Damit ist gesagt, daß es sich beim Gesetz im wesentlichen gar nicht um eine Beziehung
zwischen einer 'Ursache' und einer 'Folge' handelt, sondern daß gewisse charakteristische
Momente eines Geschehenstypus (z. B. Entstehung von Emotionen; Zusammenhang
zwischen Ich-Nähe und Ärger; vgl. S. 56f. hjw) untereinander in funktionaler
Abhängigkeit stehen" (Lewin, 1927, S. 22).

   Wesentlich für die Gesetze im Lewinschen Sinne ist, daß man Konkretes nicht
ins Abstrakte wendet, sondern daß die Gesetze trotz ihrer Allgemeingültigkeit
die Beziehung zur Wirklichkeit des einzelnen Falles und der einzelnen Situation
voll aufrechterhalten.
Anhand solcher Gesetze wird eine beliebige Anzahl gesetzmäßiger Konstellationen
von Konstruktionelementen denkbar, die individuellen Fällen zu bestimmten Zeit-
punkten entsprechen.
So können gerade mit Hilfe allgemeiner Gesetze individuelle Unterschiede
festgestellt werden und es wird ihnen im höchsten Maße Rechnung getragen.
Mit der Einführung dieser konstruktiven Methode ist also die Schwierigkeit,
die Verbindung zwischen Gesetz und Einzelfall herzustellen, überwunden worden.
Hierzu das folgende Beispiel:
   Wenn ich z. B. herausfinde, daß bei einer bestimmten Konstellation von
Konstruktionselementen (Ziel mit positivem Aufforderungscharakter + Innen- und
Außenbarriere + Bodenaffektivität + Beinahegeschehen etc.;
näheres siehe S.57 f.). Ärger entsteht, dann hüte ich mich trotzdem davor zu
sagen, daß immer, wenn ich eine solche Konstellation oder einen solchen
Geschehenstypus vorfinde, zwangsläufig Ärger entstehen muß.
Dieses Gesetz muß im Einzelfall nicht auftreten, denn was dort geschieht,
ist nicht nur von den in diesem Gesetz enthaltenen Elementen abhängig,
sondern ist das Ergebnis eines Wirkungszusammenhanges zwischen unermeßlich
vielen Faktoren innerhalb des individuellen Feldes.










                    Abb. 3: Graphische Darstellung des Wirkungszusammenhangs
                                     zweier Konstellationen

   Person (P) strebt zum ziel (ZI) mit positivem Aufforderungscharakter (+),
prallt wiederholt an der Barriere (B) nahe vor dem Ziel ab und gelangt so wieder
ihren Willen statt zum Ziel (ZI) ihrer Momentansituation (MSI) an einen Ort,
der angesichts ihrer Zieleorientierung negativen Aufforderungscharakter (-) hat.
Dies ist der Ort, an dam sie gesetzmäßig Ärger (Ä) empfinden müßte.
In diesem Moment sieth sie sich unerwartet einem anderen erstrebten
Ziel (Z2) nahe, das sie für weit entfernt hielt und erlebt infolge der dadurch
entstandenen neuen Momentansituation (MS2) starke Freude (F) statt
Ärger (Ä), sogar Freude darüber, daß sich das erste Ziel (ZI) als unzugänglich
erwiesen hat; weil sie dadurch erst das zweite Ziel (Z2) erreichen konnte.

   Zu 2.
   Der dynamische Ansatz bezieth sich auf die Erstellung wissenschaftliche
Konstrukta und Methoden, welche die dem Verhalten zugrunde liegende
Kräfte behandeln.
Dabei ist zu beachten, daß man es bei solchen Psychologischen Untersuchungen
nicht mit irgendwelchen Eigenschaften seelischen Materials schlechthin zu tun hat,
sondern daß es sich immer um bestimmte dynamische Ganzheiten,
z. B. Bedürfnissysteme, handelt, die im konkreten Fall ganz spezifische Aufbau-
strukturen zeigen.
Bei verschiedener Struktur dieser Systeme muß es notwendigerweise zu
äußerlich ganz verschiedenem Geschehen kommen.
Dieser Punkt ist ein Ausdruck für die Abwendung Lewins von der
klassifizierenden Methode und die Hinwendung zur konditional-genetischen bzw.
zur konstruktiven Methode, wobei nun nicht mehr das phänomenal Gegebene,
sondern die dahinterstehenden Bedingungen betrachtet werden.

   Zu 3.
   Eine wesentliche Voraussetzung Lewins war, daß er die bestehenden
Vorurteile über das, was psychisch oder sozial existent ist,
mit andere Forschern nicht teilte.
Er nahm sich die Freiheit, von psychischen Kräften als Wirklichkeiten und nicht
als Metaphern zu reden*) (1926, nach ebda, S. 16), und er beschreibt das Feld,
durch das ein Individuum bestimmt ist, nicht in (was immer das bedeuten kann
und mag) objektiv-physikalischen Begriffen, sondern so,
wie es für das Individuum zu der gegebenen Zei existiert.
Für ihn heißt, eine Situation objektiv zu beschreiben:

   "die Situation als die Gesamtheit jener Fakten beschreiben, die das Feld des betreffenden
Individuums ausmachen.... Eine der fundamentalsten Aufgaben der Psychologie ist es,
wissenschafliche Konstrukta zu finden, die eine adäquate Darstellung Psychologischer
Konstellationen erlauben, damit das Verhalten des Individuums daraus abgeleitet
weden kann.
Das Verlangen nach operationalen Definitionen der in der Psychologie verwendeten Begriffe
wird dadurch nicht abgeschwächt, vielmehr werden das Recht und die Notwendigkeit betont,
in der Psychologie psychologische Begriffe zu gebrauchen" (Lewin 1963, S. 104).

   Zu 4.
   Lewin geht bei seinen Untersuchungen von der Gesamtsituation aus.
Das bedeutet keinesfalls, daß er gegen Analyse eingestellt ist - im Gegenteil:
Er gelangt durch die Charakterisierung der Gesamtsituation zu einem Überblick
über die Möglichkeiten der Vorgänge, die innerhalb dieses Feldes möglich sind.
Nachdem er diesen Überblick über die gesamte Situation hat,
beginnt er mit der Analyse der Verteilung der Kräfte im gesamte Feld und
bestimmt für die verschiedenen Punkte des Feldes die Stärke und die
Richtung der - dort angreifenden resultierenden - Kräfte.
Er geht also den Weg von oben nach unten,
dessen Unumgänglichkeit Metzger u. a. an Beispielen aus der Physik
deutlich macht (Metzger, 1975).

   Zu 5.
   Nach Lewin ist das Verhalten eines Individuums von dem gegenwärtigen
Feld bestimmt. Dieses gegenwärtige Feld aber hängt nun nicht vollständig
von der gegenwärtigen Situation ab, sondern es wird von den Hoffnungen
und Wünschen des Individuums und durch seine Ansichten über seine
eigene Vergangenheit beeinflußt - durch die Zeitperspektive.
Die Wirkung der Vergangenheit und der Zukunft geschieht
also indirekt über das gegenwärtige Feld.
Das Verhalten kann dabei weder aus der Vergangenheit, noch aus der Zukunft
hergeleitet werden, sondern bedeutsam ist allein der Einfluß von Vergangenem
und Zukünftigem, wie es im gegenwärtigen Feld rapresäntiert ist.
Das bedeutet, daß die Vergangenheit - will man sie wirklich realistisch
erforschen - wesentlich exakter analysiert werden muß,
als das bisher getan wurde, denn ihr Einfluß auf das Individuum ist nichts
Feststehendes, Konstantes, sondern sie kann ständig irgendwelchen Einflüssen
unterworfen sein und Entwicklungen durchmachen (Lewin, 1963, S. 105).

   Zu 6.
   Lewin benutzt die Topologie zur Darstellung der psychologischen Situationen
mit folgender Begründung: "Die topologischen und Vektorbegriffe vereinigen
in sich die Macht der Analyse, die begriffliche Präzision, die Nützlichkeit für
Ableitungen und die Adäquatheit im gesamte Bereich psychologischer Probleme
auf eine Art und Weise, welche sie meiner Meinung nach allen anderen in der
Psychologie bekannten begrifflichen Hilfsmitteln überlegen sein läßt (Lewin,
1963, S. 106).
   Ich schließe den "Abriß der Gestalttheorie" aus gutem Grund mit der auch
durch die Gliederung hervorgehobenen Darstellung der Feldtheorie Kurt Lewins.
Zum einen ist dies folgerichtig im Hinblick auf die Entwicklung der Gestalt-
theorie. Zum anderen ist Lewin, wie sich schon im vorangehenden Abschnitt
über "Willens- und Affektpsychologie" andeutete, derjenige Gestalttheoretiker,
der am ausdrücklichsten die Bedeutung seiner Forschungstätigkeit für psycho-
therapeutisches Handeln gesehen und auch expliziert hat.
Die Feldtheorie ist zur Grundlage der Gruppendynamik und der Actions-
forschung als auf die Veränderung menschlichen Verhaltens abzielenden
psychologischen Forschungs- und Anwendungsbereichen geworden (vgl. II.,
III.). Dies wird in den folgenden Teilen dieser Arbeit noch deutlicher hervor-
treten, indem zumeist Lewin die unmittelbaren gestalttheoretischen
Anknüpfungspunkte sowohl in der Auseinandersetzung mit verschiedenen
psychotherapeutischen Schulen als auch in dem Versuch, einigermaßen
systematisch eine Gestalttheorie der Person (II.) und der Psychotherapie (III)
zu entwickeln, liefern wird.
Was allerdings in diesem Teil I zweifelsfrei nachvollziehbar werden sollte,
ist die Tatsache, daß Lewins Forschungsarbeit und seine theoretischen
Entwürfe nicht denkbar waren, ohne die Erforschung der Grundlagen
der menschilichen Wahrnehmung, des menschlichen Denkens
und Lernens, wie sie vor allem W. Köhler, M. Wertheimer,
und K. Koffka zu verdanken ist.

                                                           Hans-Jürgen Walter
                                               - Gestalttheorie und Psychotherapie -


P.S.
"Unsere Wahrnehmungen, Gedanken, und Gefühle werden durch den Deutungs-
prozeß unserer Kultur gefiltert; er bestimmt, was wir von der Welt sehen,
hören, wissen. So entsteht unsere 'W i r k l i c k e i t': durch unbewußte
Selektion der Wahrnehmungen und deren künstliche Verknüpfungen
in einem Denkmodell.

Was nicht in dieses Modell paßt, wird nicht wahrgenommen;
das, wofür kein Konzept da ist, IST UNDENKBAR".
                                                                      - Dr. Edmond Richter -



*) Wolfgang Köhler vollzieht insofern diesen Schritt nicht mit, als er den
    Begriff "Kraft" für den physikalischen Bereich reserviert und für den
    psychischen den Begriff "Gefordertheit" anwendet (Köhler, S. 68).

  
Metzger, W., Was ist Gestalttheorie? In : Guss, Hg. (Darmstadt 1975).
Graefe, O., Über Notwendigkeit und Möglichkeit der psychologischen
                Wahrnehmungslehre. Psychol. Fo., 26, 262-298 (1961).
Lewin, K., Feldtheorie in den Sozialwissenschaften. Ausgewählte
              theoretische Schriften (Bern 1963).
Lewin, K., A dynamic theory of personality. Selected papers of Kurt
              Lewin (New York 1935).

      
 











                             
  

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