HOME        FAQ       HAIKU        STORIE        INTERVISTE        INEFFABILITY         
Katazen: un mondo
ineffabile...


Alexander Lowen

In einem Interview
mit der italienischen
Journalistin
Maria Luisa Agnese
erklärt Alexander
Lowen, amerikanischer
Psychotherapeut, Schüler
Wilhelm Reichs und
Begründer der
Bioenergetik, wie
man es lernen
kann, die richtige
Wahl zwischen
Macht und Freude
zu treffen.


FRAGE: Sie sind Schüler von Wilhelm Reich, einem der radikalsten Denker
des Jahrhunderst. Und dennoch sind Sie gegen den Fortschritt.
Wie kommt das?

ALEXANDER LOWEN: Versuchen wir, einander zu verstehen. Ich bin nicht gegen
den Fortschritt, ich bin gegen den Mythos vom Fortschritt und behaupte,
daß Fortschritt nicht immer mit Kultur gleichzusetzen ist.

F.: Sie behaupten also, daß es einen guten und einen schlechten
Fortschritt gibt?

A. L.: Der Mythos vom Fortschritt bringt immer mit sich, daß man das Neue
mit dem Alten austauscht und davon überzeugt ist, daß das Zweite immer
besser ist als das Erste.
Also ich bezweifle, daß das immer so ist.
Dieses Konzept des Fortschritts mag funktionieren in der technischen Welt,
aber in sich selber ist es gefährlich und irreführend.
Wenn er sich "ausbreitet", kann es zu einem Punkt kommen, wo der Sohn
dem Vater bevorzugt sein wird, nur weil er "neu" ist, und man Tradition
mit Müll gleichsetzen wird.

F.: Aber besteht nicht die Gefahr, diejenigen zu unterstützen,
die nur das Vergangene anbeten?

A. L.: Entschuldigen Sie, was bevorzugen Sie, daß es Ihnen gutgeht
oder daß es Ihnen schlechtgeht?
Scheint es Ihnen richtig zu sein, all diese Widersprüche
zuzulassen, zu denen das Leben in unserer Zivilisation uns zwingt?
Ich meine, daß der Mythos, auf den die westliche Kultur des zwanzigsten
Jahrhunderts gebaut ist, die Macht des Fortschritts nämlich,
nur Neurotiker erzeugen kann, die Angst vorm Leben haben müssen,

F.: Und Ihr Traum ist es, mich und alle anderen von dieser
Angst zu befreien?

A. L.: Glauben Sie nicht, daß das so einfach wäre.
Ich hatte einen Patienten, noch jung, aber schon voll mit Verkrampfungen,
die Augen leblos, der Atem flach, die Hautfarbe olivgrün.
Mit den Übungen und der Therapie verbesserte er sich, aber genau da,
als sein Körper anfing zu leben, die Augen zu glänzen, die Beine vor
Energie zu vibrieren, sagte er mir: "Professor, dieses Leben ist zuviel
für mich, ich kann es nicht ertragen".

F.: Sie wollen hiermit sagen, daß wir uns alle in dem Zustand
jenes Patienten befinden?

A. L.: Aber genau. Wir alle wollen glücklicher, lebendiger werden und
wollen mehr fühlen. Aber wir haben Angst.
Wir würden gerne ganze Menschen werden, aber die Gesellschaft spornt
uns an, den Erfolg zu verfolgen, zu machen und zu siegen.
Das Motto dieser Generation der Aktionen könnte sein:
"Tue viel und fühle wenig!".

F.: Und die große Herausforderung des modernen Menschen ist es,
diese zwei Stimmen in sich wieder zu versöhnen.

A. L.: Ich sehe, daß es langsam auch Ihnen klar wird.
Der Kampf zwischen den zwei Schichten in uns, zwischen dem Tier,
das in uns schläft, und dem Ich, das gerne Gott sein möchte,
bewirkt eine immer größere Spannung.
Das treibt die Zivilisation und die Kultur vorwärts, aber es ist auch eine
destruktive Kraft. Und wie das Seil in einem Bogen, man kann es bis zu
einem Punkt spannen, und dann reißt es.
Und wenn zwischen dem Körper und dem Ich kein Kontakt mehr existiert,
dann fängt die Psychose an.

F.: Und doch hat man in diesem Jahrhundert den Körper entdeckt,
die sexuelle Freiheit explodierte, die Sexualität hat viele Tabus verloren.

A. L.: Bravo, auch Sie bringen die Sexualität mit allem anderen durcheinander.
Die Lehrbücher nach Masters und Johnson haben auch hier den Mythos
der "Performance" durchgesetzt.
Das Ergebnis: Man redet unentwegt über Sex, aber man lebt es wenig.
Viel Aktion, wenig Passion!

F.: Es gibt aber diese ganz neue Richtigung von "sich in Form Halten".

A. L.: Ja, das berühmte Jogging, Massage.
Die Leute wollen den Körper neu entdecken, aber haben Angst vor den
Sensationen. Und so wird alles wieder mechanisch.
Die Lebensangst und die Angst vor dem Fühlen, aber ohne Fühlen gibt es
kein Leben. Was bedeutet es schon, Marathon zu laufen oder der Sieger
über 30 Kilometer zu sein. Mein Auto fährt 100.
Heute haben sie alle Hände voll zu tun, fahren Ski, rennen, steigen auf
hohe Berge, Haben Angst davor, unbeweglich zu bleiben, wollen sich
nicht die Zeit gönnen, um in Ruhe zu verharren, weil, wenn man
still ist, fängt man an zu fühlen.

F.: Alles ist also falsch, alles muß man von vorne anfangen?

A. L.: Ja, weil das wahre Problem nicht das ist, seit wann eine Kultur
großzügiger ist in bezug auf Sex oder ob sie erlaubt, sich in Form zu halten;
das wahre Problem ist das Vorhandensein von Macht.
Weil immer, wenn es Macht gibt, gibt es einen Kampf, um sie zu erhalten,
die Starken nehmen sie für sich und die Schwachen suchen sie.
Und dieser Kampf, der alle Konflikte in der Familie erzeugt,
bestimmt auch die ödipale Situation.
Und die ödipale Situation erzeugt die Lebensangst:
das ist ein circulus vitiosus.

F.: Verzeihen Sie, aber ist das nicht ein Problem, das alle Gesellschaften
hatten, inclusiven die primitiven?

A. L.: Ja doch, aber ich glaube, daß der Kampf nie so erbittert war wie heute.
In den vergangenen Zeiten war die Macht in den Händen einigen Königen und
Adligen, und der Rest der Leute war viel ruhiger, sie waren freier.
Heute ist das alles wesentlich diffuser.
Und alle fühlen sich dazu angespornt, für die Macht zu kämpfen.

F.: Aber auch heute gibt es einige, die gieriger sind als die anderen?

A. L.: Aber sicher. Wissen Sie zum Beispie, was der Ölreichtum den Arabern
bringen wird? Er wird sie zerstören. Jemand sagte, daß keine Kultur nur
durch Erfolg überleben kann. Weil: wenn man zuviel an den Erfolg
denkt, vergiß man die Freude, die Befriedigung des Körper.

F.: Und wer diesen Zauber zerstören will, was muß er machen?

A. L.: Der muß sich entscheiden, sein Leben zu ändern, begreifen,
daß die Macht weder ein Wert ist noch eine Wirklichkeit, sie ist eine Illusion.
Ich habe einen Patienten, der das ganze Leben um Erfolg gekämpf hat,
um sich zu bestätigen.
Jetzt ist er "angenkommen", und kommt zu mir,um zu erzählen,
wie unglücklich er ist, daß er kein bißchen Freude im Leben hat.
Vor kurzem erzählte er mir einen Traum: Er sprang ins Wasser,
um jemanden zu retten; er fand sich wieder ohne Geld,
mit armseligen Kleidern und ritt auf der Spitze eines
fahrenden Zeuges.
Symbolisch war alles, was sein Leben ausmachte, zusammengebrochen,
und dennoch fühlte er sich noch nie so frei, so glücklich, weil endlich hat
er den Kampf aufgegeben.
Naturlich weiß er, wie schwer es ist, für jemanden,
der geboren und aufgewachsen ist mit jenem
Mythos, auf den Kampf zu verzichten und
nicht nur im Traum...
Aber ich weiß, daß wenn man es macht, man seine Möglichkeit
entdeckt im Leben glücklich zu sein.

F.: Und um zu dieser Entscheidung zu helfen, was kann man
anfangen zu tun?

A. L.: Anfangen, ernsthaft seinem Körper zuzuhören.
Die physischen Freuden entdecken, die körperlichen, und die Maschinen
beiseite lassen. Atmen, laufen, sich in sich selbst wohl fühlen.
Ich glaube nicht, daß man um sich besser zu fühlen, Hilfe von der Medizin
braucht, es genügt, seinen eigenen Körper um Hilfe zu bitten.

F.: Und das ist es, was ihr in der Therapie mit euren bioenergetischen
Übungen macht?

A. L.: Die Bioenergetik studiert die Persönlichkeit, angefangen beim Körper
und seinen energetischen Prozessen.
Die Übungen helfen, in Kontakt zu treten mit unseren Spannungen und sie
durch die geeigneten Bewegungen zu entladen.
Grundlegend in alldem ist die Atmung sowie grundsätzlich die Übung,
die wir "grounding" nennen, die Beine auseinander ca. 30 bis 40 cm,
die knie leicht gebeugt, so daß man, wenn man von oben nach
unten schaut, die Füße nicht sieht.
Das ist nicht schwer. Wenn man sie ausprobiert, sollte man sich konzentrieren,
den Boden unter den Füßen spüren:
Nach kurzer Zeit spürt man die Knie zittern, die Energie vibrieren.
Sehen Sie, je mehr es uns gelingt, die Leute ihre Beine spüre zu lassen,
um so mehr gelingt es uns, sie auf die Erde zurückzuholen.

F.: Diese und andere Übungen haben Sie in ihrem Buch "Die Sprache
des Körper" veröffentlicht. Ist das nicht gefährlich, diese Übungen
der Masse zugänglich zu machen?

A. L.: Gefährlich? Aber warum? Viele Leute haben jenes Buch gelesen und
haben mir geschrieben, daß die bloße tatsache, daß sie das Buch gelesen
haben, ihnen geholfen hat, sich besser zu fühlen, weil sie verstanden,
in welcher Lage der Konfusion und des Streß sie sich befanden.
Damit will ich nicht sagen, daß die Übungen die Lösung für alle
möglichen Probleme wären, ich sage nur, daß sie den richtigen
Weg anzeigen.
Sie zeigen, worauf man verzichten muß, um sich besser zu fühlen.

F.: Und Sie?

A. L.: Ich was? Wollen Sie wissen, ob ich auch die Übungen mache?
Sicher mache ich sie, jeden Tag, manchmal allein, manchmal in der Klasse,
mit den Schülern meiner Frau, sie ist auch Therapeutin.
Je mehr Übungen ich mache, um so besser fühle ich mich.

F.: Um die Wahrheit zu sagen, wollte ich was anderes fragen,
ich wollte wissen, worauf Sie verzichtet haben.
Sie leben in New York, in der Metropole par excellence, schreiben,
arbeiten, verzichten nicht auf Autos.
Sie sind mit dem Taxi hierhergekommen...

A. L.: Es ist wahr, ich verdiene gut, habe einen Wagen,
aber ich gebrauche ihn so wenig wie möglich, meistens laufe ich zu Fuß.
Heute nahm ich ein Taxi, weil ich zwei schwere Pakete Bücher
in der Hand hatte...
Nach New York komme ich nur zwei Nachmittage in der Woche,
ansonsten lebe ich auf dem Land, eine Stunde entfernt von hier,
mit meiner Frau.

F.: Wo schreiben Sie Ihre Erfolgsbücher?

A. L.: Glauben Sie, es sind Erfolge? Es gibt Bücher, die zehnmal soviel
verkauft werden wie die meinen und habe nicht den Wert der meinen,
also ich habe versagt: Meine Bücher müßten Bestseller sein,
und sie sind es nicht.
Aber zum größten Teil interessiert es mich nicht mehr,
wie ich auch zum größten Teil nicht mehr ehrgeizig bin,
ich habe darauf verzichtet, eine berühmter Mann zu werden,
und ich träume nicht mehr davon, die Bioenergetik immer
berühmter zu machen.

F.: Ein Leben also, dem Versagen gewidmet?

A. L.: Ja, genauso. Ich habe auchin meinem letzten Buch geschrieben:
"Der große Umsturz im meinem Leben war, als ich anfing,
den Zusammenbruch zu akzeptieren".

F.: Wann ist das passiert?

A. L.: Vor einigen Jahren fand eine Veränderung statt, nich so blitzartig
wie eine religiöse Bekehrung.
Langsam, langsam habe ich angefangen, die Sachen geschehen zu lassen,
gelernt zu verzichten.
Und auf je mehr man verzichtet, um so freier wird man.

F.: Das Versagen also war Ihr großer Meister?

A. L.: Der einzige Meister, denn der Mensch, dem immer alles gelingt,
der ändert sich nie und der lernt nichts.

F.: Können Sie sich an Ihre ersten akzeptierten
Versagenssituationen erinnern?

A. L.: Als ich das erste Mal durchgefallen bin in der Medizinprüfunng:
mir half das zu verstehen, was ich wirklich im Leben machen will.
Ein Versagen, was viel schwieriger für mich zu akzeptieren war,
war das meiner ersten Ehe.
Ich mußte mir sagen: "Also, siehst du, großer Therapeut, schreibst Bücher,
sprichst so viel über die Probleme der Paare, aber deine Ehe get kaputt
und du kannst nichts machen".
Schritt für Schritt habe ich dann begriffen, daß ich meine Kindheitsträume
nie verwirklichen werde...

F.: Aber ist das nicht zu einfach, auf den Erfolg zu verzichten,
wenn man ihn schon hat?

A. L.: Sehen Sie, die Leute glauben, ich hätte Erfolgt, aber es ist nicht so.
Ich genieße einfach nur mein Leben.
Und alles nur, weil, wenn auch spät, ich das bewußte Versagen gelernt habe.
 
F.: Eine Lehre, die Jahre dauerte.

A. L.: Es fing ziemlich früh an, sobald ich mein Jurastudium
abgeschlossen hatte.
Es war die Zeit der Depression, es war schwierig, eine Arbeit zu finden,
und ich war um so mehr unzufrieden, denn mich interessierten die
Psychologie und Philosophie mehr als Jura.
In dieser Zeit habe ich Wilhelm Reich kennengelernt, und das war eine
grandiose Veränderung für mein Leben.
Er hat ein wichtiges Bedürfnis von mir beantwortet, nämlich die
Verbindung zwischen Körper und Geist in mir zu stabilisieren.

F.: Können Sie das besser erklären?

A. L.: Ich hatte immereine geteilte Persönlichkeit,
zur Hälfte bin ich ein Intellektueller, der sehr in dem Kopf lebt,
zur anderen Hälfte bin ich sehr körperbezogen.
Und diese zwei Teile hatten keinen Kontakt,
ich konnte sie nicht zusammenbringen.
Vielleicht war das eine Folge der Beziehung zwischen meiner Mutter
und meinem Vater, sie waren wie Katze und Hund,
waren nie einverstanden miteinander.
Meine Mutter war ehrgeizig,
meinen Vater interessierte nur das Vergnügen.
Schwarz und Weiß, Feuer und Holz und andauernder Zwist.
Um mich zu retten, wurde es lebensnotwendig,
die beiden Gegensätze zu vereinbaren.
So habe ich die Arbeit zur Freude gemacht.

F.: Und Reich hat Ihnen dabei geholfen.

A. L.: Es konnte kein anderer sein als er.
Mich haben im allgemeinen die Psychoanalytiker nicht beeindruckt.
Schon bevor ich Reich kennenlernte, wußte ich,
daß die besten meiner Gefühle aus dem Körper kamen:
Ich machte viel Sport, Tennis, Baseball, weil ich die guten Vibrationen
meines Körpers spüren wollte.
Ich wollte mich nicht auf eine Liege legen und meine Probleme
jemandem erzählen.
Ich wollte erreichen, durch meinen Körper wahrzunehmen,
und 1940 war Reich der einzige, der so arbeitete.
Niemand sonst sprach so wie er.

F.: Wie haben Sie ihn kennengelernt?

A. L.: Ich war damals besessen von diesem Problem, ich fing auch an,
etwas über Die Beziehung zwischen Körper und Geist zu schreiben,
allerdings ohne große Ergebnisse.
Und gerade in dieser Zeit las ich eine Anzeige in der Universität,
daß Reich einen Kursus anbietet über Charakteranalyse, d.h.,
über die Beziehung zwischen dem Charakterpanzer
und dem Muskelpanzer,
zwischen der Vorstellung von sich selbst und wie das körperlich aussieht.
Das sprach mich an und ich bin zu dem Kursus gegangen.
Reich war ein brillanter Mann, ein brillanter Redner.
Am anfang war ich skeptisch,
auch bei ihm, aber dann hat er mich überzeugt,
weil er die Antworten hatte, die ich brauchte.
Anderthalb Jahre danach wurde ich sein Patient,
die Therapie dauerte drei Jahre.
Aber auch mit ihm, obwohl er so hervorragend war,
konnte ich nicht alle meine Probleme lösen.

F.: In drei Jahren der Therapie mit Reich? Ist das nicht
ein bißchen entmutigeng?

A. L.: Aber glauben Sie nicht, daß das alles so einfach wäre.
Auf jeden Fall fühlte ich mich schon viel besser.
In dieser Zeit wurde ich auch Therapeut und begriff,
daß ich einige Sachen nach meiner Art weiterentwickeln müßte...

F.: Und deshalb haben Sie mit Reich gebrochen?

A. L.: Sagen wir so, daß ich mich entfernt habe, von ihm und von seinen
Anhängern, weil Sie meiner Meinung nach einen falschen Weg gingen.
Sie dachten, alle neurotischen Probleme mit der Analyse zu lösen,
in Wirklichkeit aber die Hälfte der Fälle mit der orgonischen Energie...

F.: Warten Sie einen Moment. Vielleicht weiß nicht jeder,
was die orgonische Energie ist.

A. L.: Und ich kann sie bestimmt auch nicht erklären,
weil es sehr kompliziert ist.
Sagen wir mal, um sich zu verständigen, daß die vitale Energie,
die in uns allen schlummert, möglicherweise wiedererweckt,
wie Reich es meinte, auch sehr schwere Krankheiten,
den Krebs einbezogen, heilen könnte.

F.: Auch bei Ihnen wollte Reich diese Energie entwickeln?

A. L.: Ja, an einem bestimmten Punkt begriff er,
daß er nicht genug mit dem Körper arbeitete.

F.: Und deshalb sind Sie so spektakulär auseinandergegangen?

A. L.: Eigentlich gibt es auch einen anderen Grund.
Die Leute um ihn sind paranoisch geworden, die dachten, die ganze Welt
wäre gegen sie...

F.: Und er?

A. L.: Nach 1950 wurde er auch paranoisch. Er war wie ein Gott:
Man durfte keine Kritik äußern, geschweige das Dogma irgendwie verändern.
Und das ist nicht gesund. So haben wir uns getrennt.

F.: Sie und wer noch?

A. L.: Ich und meine Mitarbeiter, vor allem John Pierrakos,
und wir haben die Bioenergetik gegründet.
Aber wir haben sie nicht gegen Reich gemacht, sondern damit wir
nicht in seinen Grenzen gefangen bleiben.
Wir gingen von seiner Theorie aus und haben sie weiterentwickelt...

F.: Und womit haben Sie sie erweitert?

A. L.: Vor allem mit dem Konzept des "grounding" (erden),
das grundlegend ist, denn Reich arbeitete mit dem Patienten,
während er lag, und wir haben ihn auf den Boden gestellt...
Und dann die Körpersprache,
für uns sprach der Körper in dem Sinne,
daß der einzelne mit seiner Geschichte, Persönlichkeit,
reagierend auf die Umgebung, auf die Erziehung und auf die
Veränderungen des Lebens einen Charakter entwickelt,
der nicht nur psychisch ist, sondern auch physisch ist.
Der Körper spricht, und wenn man ihn lesen kann,
erfährt man viel über die Geschichte,
über den Charakter des einzelnen.

F.: Zum Beispiel?

A. L.: Zum Beispiel, wenn der Körper einen leeren Aspekt aufweist,
asthenisch, dünne Beine, eingefallener Brustkorb,
ein Bauch, der leer erscheint: dieser Mensch ist ein oraler Typ.
Und so gibt es den Rigiden, den Masochisten, den Narzißten.

F.: Will das heißen, daß Ihnen ein Blick genügt und Sie wissen,
mit welchem Typ Sie zu tun haben, Sie können ihn analysieren?

A. L.: Um Gottes willen, vereinfachen wir nicht zu viel:
Sie baten mich, etwas zu erklären zu versuchen,
und ich habe es gemacht.
Aber das ist nur eine der Möglichkeiten,
die Person zu verstehen zu versuchen.

F.: Aber ist das nicht trotzdem eine etwas zu rigide Weise?

A. L.: Entschuldigen Sie, würden Sie einem Arzt vorwerfen,
daß er zu Unrecht die Krankheiten klassifiziert?
Das ist derselbe Fall.
Eine Möglichkeit, zu verstehen, ob jemand eine Lungentzündung
hat oder nicht.
So weiß man, wie man eingreifen muß, und vermeidet,
eine Lungenentzündung wie eine Herzkrankheit zu behandeln.
Genauso behandelt man eine schizoide Erkrankung nicht so wie eine rigide.
Wenn man nicht klassifiziert, kann man auch nicht verstehen.
Auf der anderen Seite, die Leute kritisieren immer.
Wenn man Typen benutzt, sagen sie,
daß man zu rigid ist, wenn man keine benutzt,
dann ist man zu unklar.

F.: Aber wenn jemand zu Ihnen in die Analyse kommt,
was machen Sie dann?

A. L.: Wir sprechen, wie ich jetzt mit Ihnen, und dann schauen wir.
Also, wir haben diesen Vorteil der klassischen Analyse gegenüber:
Anstatt zu reden, sehen wir.

F.: Und was bin ich für ein Typ?

A. L.: Aber so ist es etwas schwierig, weil der Patient sich ausziehen muß.
In Ihrem Fall sehe ich nicht Ihren Körper,
sondern nur Ihr Gesicht,
und ein Teil Ihres Gesichts ist hinter der Brille versteckt.
Sie lächeln zuviel, Sie müßten direkter sein.
Ihr Lächeln ist eine Maske.
Sehen Sie, wieviel Sehnsucht in Ihren Augen ist und wieviel
Spannung in Ihrem Kinn?
Aber das ist nicht aus Mißtrauen und Angst,
sondern weil Sie in der Verteidigung sind. Sie sagen:
"Du wirst mich schon nicht schnappen".
Die Bioenergetik hilft, in Kontakt zu treten mit Ihren Ängsten,
um die Spannung zu erleichtern,
zu lösen und so die Gefühle zu befreien aus der Vergangenheit,
die blockiert sind und zu Spannungen werden.
Wenn man das erreicht hat, verändert sich der Körper,
aber auch die Persönlichkeit verändert sich,
denn der Mensch entledigt sich seiner Vergangenheit,
er befreit sich.

F.: Wenn die Bioenergetik zu all dem fähig ist,
wieso war dann unter so vielen Fehlschlägen Ihres Lebens
auch die Bioenergetik einer?

A. L.: Ich wollte nur ausdrücken,
daß ich mir keine illusionen mache über die Anerkennung der
Bioenergetik von seiten der klassischen Psychiatrie
und der klassischen Medizin.
Diese glauben noch immer an die Macht...

F.: Aber Sie können noch viele Bücher schreiben,
um die Bioenergetik bekannt zu machen.

A. L.: Aber nur, weil ich hoffe, einige Leute glücklicher machen zu können
und mir so einige Freunde mehr machen zu können.
Dennoch, um die Bioenergetik "gesellschaftsfähig" zu machen,
mußte man sie aufopfern.
Wenn Sie manchmal hören würden,
wie die Leute bei mir in der Praxis schreien.
Wie ich die Bioenergetik mache, das provoziert Schmerzen,
und die Leute möchten alles ohne Schwierigkeiten lösen.

F.: Aber was machen Sie?

A. L.: Ich zerre die Schmerzen, die Ängste raus.
Die Menschen haben so viele Schmerzen,
die sie nicht wahr haben wollen,
die sie verdrängen,und ich helfe ihnen.
Die Leute haben Angst, haben Angst vor ihrem Körper,
haben Angst, sich dem Schmerz zu überlassen,
denn es ist, als ob man sich dem Tod freigibt.

F.: Am Ende Ihres Buches geben Sie zu, daß trotz Ihrer Arbeit
an sich und an Ihrem Körper Sie selbst sich noch immer
"unperfekt" vorkommen.
Sie setzen sich nicht auf der Olymp?

A. L.: Ich war doch ehrlich, oder?

F.: Sie schreiben: "Ich habe die Ekstase des vollen
Orgasmus nur selten kennengelernt".
Aus Ihrem Mund hört sich das seltsam an.

A. L.: Und warum? Das ist die Wirklichkeit.
Ich habe viele Freuden in meinem Leben ausprobiert,
vielleicht mehr als andere,
aber auch von der Therapie kann man nicht das Paradies erwarten.
Es ist schon ein großes Glück, sagen zu können,
einige Ekstasen erlebt zu haben.
Aber man kann nicht alles von der Kultur trennen,
in der man lebt:
Wir können uns nicht vor dem Verderben retten und frei
von dem Streß leben,
als ob wir auf einer Insel im Pazifik wären.
Und auch mit der besten Therapie
leben wir in einer verrückten Kultur,
und wir müssen die Konsequenzen zahlen. 


                                                            Maria Luisa Agnese
                                                     - WARUM - September 1982 -
                                                             (Panorama, 1981)
                                                         Übersetzung Judith Lanyi
Back to: Interviste
Alexander Lowen
Locations of visitors to this page